Berlin : Bernd Gärtner (Geb. 1942)

Wozu hatte Gott ihn erschaffen? Das ließ sich nur in den Büchern klären

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Immer montags kommen sie im „Wilhelm Hoek 1892“ zusammen, der Vollholz-Raucherkneipe in der Wilmersdorfer, die nach gefühlt hundert Jahren unerschütterlichen Daseins fast geschlossen worden wäre und dann doch weiterbestehen durfte. Wer hier das Zeitliche segnet, nach vielen Jahren unverdrossenen Antrinkens gegen den Zeitgeist, „soliden Blicks, schaumgeboren“ (Gottfried Benn), in rauchgeschwängerter Atmosphäre, nach zahllosen politischen und wissenschaftlichen Disputen, mannigfacher Weitergabe literarischer Fundstücke, historischer Anekdoten und taktischer Analysen vom letzten Hertha-Spiel, dem ist ein Platz im Kneipenhimmel sicher. Der getäfelte Himmel beginnt schon wenig oberhalb des Stammtisches und ist mit Fotografien Ehemaliger bestückt. Bernd hängt auch da.

Die Montagsrunde besuchte Bernd bereits im vierten Jahrzehnt, sie gab ihm Halt, Struktur und ein Gefühl der Anerkennung. Eine Runde akademisch geschulter Männer, Bildhauer, Übersetzer, Geologen, Historiker, Galeristen, Trödler, Studienabbrecher und Autodidakten. Immer um 17 Uhr, ausnahmslos, trifft man sich zum gemeinsamen Tagesausklang im Halbliterformat, „0,5, die Königsklasse, niemals 0,4!“ Bernd, so sind sich hier alle einig, war der intellektuelle Mittelpunkt der Runde. Er konnte Hertha-Spielaufstellungen aus den Achtzigern genauso gut referieren wie die Schlachten Friedrichs des Großen oder Kants Kritik der reinen Vernunft. Für sein Gedächtnis haben sie ihn alle beneidet.

Eigentlich hörte er auf den Namen Plummy. Die Montagsrunde vermutet eine Ableitung aus Plumpudding. Für dessen Zubereitung soll er auf Nordlandfahrten mit dem Evangelischen Jungvolk zuständig gewesen sein. Genaueres wüsste sein engster Freund Dittmann, aber der befindet sich auch schon im Kneipenhimmel. Plummy und Dittmann sahen aus wie einander anverwandelt, beide mit einem soliden Appetit und ebensolchen Durst gesegnet, mit Bart, strengem Blick und prächtigem Bauchumfang. Als Plummy kurz vor seiner Abberufung stand, von diversen Gebrechen geplagt, auf den Rollstuhl verwiesen, sagte er einem Freund am Telefon: „Nun ist der Zahltag gekommen.“

Die Jungvolk-Reisen ab Berlin- Hermsdorf ins europäische Ausland Ende der fünfziger Jahre mündeten ins Studium der Theologie in Marburg und eine Ausbildung fürs Pfarramt. Plummy war ein kritischer Denker und akribischer Deuter der deutschen Philosophen von Hegel bis Heidegger, eine Dissertation war schon auf dem Weg, erreichte aber nie ihre Vollendung. Irgendwie passte eine akademische Karriere mit ihren Zwängen und Zielstellungen nicht zu Plummy. Als Pfarrer im schwäbischen Esslingen half das Heidegger’sche Fachvokabular auch nicht viel weiter. Die Gläubigen forderten klare Ansagen für den religiösen Alltagsgebrauch – schwäbischer Pietismus statt theologische Grundsatzdebatte. Plummy floh aus dem engen Korsett eines Kleinstadtpfarrers zurück nach Berlin, ließ sich vom zuständigen Arbeitsamt Sonnenallee als Aushilfs-Religionslehrer an Gymnasien vermitteln, vermittelte schließlich selbst als angestellte Fachkraft arbeitslose Akademiker und erkannte auch darin keine sinnstiftende Tätigkeit für die verbleibenden Lebensjahre.

Wozu hatte Gott ihn erschaffen? Das ließ sich nur in den Büchern klären. Plummy kaufte sie in großen Mengen, griff sich ein paar heraus für den Eigenbedarf, den Rest verkaufte er wieder. Damit waren relativ wenig feste Verpflichtungen verbunden. Er fuhr mit einem alten Kombi durch Deutschland, Österreich und die Schweiz, kaufte Nachlässe von Pfarrern auf und stapelte sie in seinem „Kreuzberger Antiquariat“ gegenüber dem Yorckschlösschen. Bis der Ofen das Bücherlabyrinth ausreichend erwärmt hatte, wartete Plummy im „Schlösschen“ auf seine Kunden. Die wussten, wo er zu finden war, kamen ja nicht zum ersten Mal.

Nebenher schrieb er für das SEW-Blatt „Die Wahrheit“ profunde Artikel über Kultur- und Sportereignisse. Die SEW war der West-Berliner Ableger der SED, mit zeitweise großem Einfluss in der linken Szene. So kam Plummy umsonst ins Olympiastadion und kassierte auch noch Honorar. Fußball als direktes Kräftemessen der politischen Systeme – Hertha gegen Roter Stern Belgrad, 75 000 Zuschauer, Plummy berichtete. Großes Pech allerdings widerfuhr ihm, als er auf Einladung des FDGB, des DDR-Gewerkschaftsbundes, im September 1973 nach Bitterfeld reiste, zu einem SEW-Kongress. Beim Abendessen im Casino des Chemiekombinats stürzte die Decke ein. Plummy rettete sich unter einen Tisch und zog sich eine Gehirnerschütterung zu, der Leiter der SEW-Delegation hatte weniger Glück und starb. Dieses Ereignis änderte Plummys Sicht auf die marode DDR, bald danach beendete er seine Mitgliedschaft in der SEW und distanzierte sich über die Jahre immer deutlicher vom sozialistischen Lager.

Plummy verkörperte das Ideal des Kneipen-Intellektuellen. Seine Gedankenschärfe, aber auch sein historisches und literarisches Wissen hätten ihn zum Ordinarius einer geisteswissenschaftlichen Fakultät befähigt, glauben seine Stammtischbrüder. Plummy lektorierte Bücher seines schreibenden Freundes Thomas Kapielski und hielt auch die Laudatio, als Kapielski in Zürich ausgezeichnet wurde. Arno Schmidt und Gottfried Benn zählten zu seinen engsten Geistesgefährten. PVC-Jochen vom Savignyplatz vertrieb Raubdrucke von Schmidts „Zettel’s Traum“, von denen sicherte sich auch Plummy ein paar Exemplare.

Auch Eckhard Henscheids verschrobenem Romanpersonal stand er nah, war ja gewissermaßen ein Abbild der Montagsrunde. Latein und Griechisch hatte Plummy im Theologiestudium absolviert, aber mit der Inkonsequenz dieses sprachlichen Curriculums gab er sich nicht zufrieden. Was ist mit den Urtexten des Alten Testaments? Sind aramäisch verfasst, also lernte er auch diese Sprache, besuchte Seminare im Institut für Semitistik und Arabistik der FU.

Als er noch jünger und leichter war, reiste Plummy gerne mit Weggefährten ins Französische, nach Burgund oder in die Bretagne, ließ sich vor Bunkern und Kriegerdenkmälern ablichten, hörte Wagner und hielt große Reden zur Ehrenrettung des Preußentums, dem er sich qua Herkunft verbunden fühlte. In Quimper, Bretagne, kam es zum Streit mit dem Wirt ihrer Herberge, der eine höhere Summe als vereinbart verlangte. Plummy und ein Reisekumpan entschieden sich, den offenen Konflikt per sofortiger Abreise zu beenden, und wurden wenig später von einer Polizeistreife gestoppt. Nach mehrstündigen Schlichtungsverhandlungen mit dem Wirt, unterbrochen von einer ausgiebigen Mittagspause, bekamen sie Recht und wurden entlassen.

Plummy bereiste auch die Südstaaten der USA, kaufte dort Jazzplatten und die Nachlässe deutscher Emigranten. Regelmäßig waren Plummy und Dittmann auch in der DDR zu Gast, immer in derselben Wirtsstube in der Siedlung Verlorenort im Havelland. Dort diskutieren sie mit dem LPG-Vorsitzenden, dem Förster und dem Bürgermeister die Weltlage. Nachher fuhren sie zurück, wer auch immer am Steuer saß, hielt sich ein Auge zu, um nicht alles doppelt zu sehen. Nie sei etwas passiert, erklärt die Stammtischrunde. Verlorenort hatte auch eine KfZ-Werkstatt, in der angeblich die sowjetischen Streitkräfte ihre Panzer reparieren ließen. Die Autos von Dittmann und Plummy wurden dort ebenfalls kostengünstig instand gesetzt.

Das „Kreuzberger Antiquariat“ gab Plummy irgendwann wieder auf, damit sparte er sich die Ladenmiete und die tägliche Anreise von Charlottenburg. Fortan wurden die Bücher nur noch auf Anfrage versendet, aus seiner Wohnung heraus, einer Bücherhöhle, in der Plummy „wurmisierte“ (Heimito von Doderer), wie ein Freund sagt. Als sich auch das nicht mehr lohnte, zählte sich Plummy zum Akademiker-Prekariat, beantragte Grundsicherung und zog in eine kleinere Wohnung. Er war dem Staat zutiefst dankbar, dass er sich so großzügig zeigte, andererseits empfand Plummy die Zahlungen auch als nachträgliche Wertschätzung einer Arbeit, die sich materiell nie ausgezahlt hatte.

Am Reformationstag 2017, 500 Jahre nach dem Thesenanschlag zu Wittenberg, würde der preußische Protestant Plummy 75 werden. Wäre er nicht ein paar Monate vor diesem schönen jubiläischen Zusammentreffen im katholischen Krankenhaus Maria Heimsuchung verstorben. Thomas Loy

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