Berlin : Bernd Gallandi (Geb. 1959)

Er hatte wie immer alles geplant und jedes Hindernis im Blick

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Ameisenscheiße!“ Und jetzt bitte alle: „Ameisenscheiße!“ Das Lächeln für die Kamera ist garantiert. Aber der Umgang mit den Kunden fiel Bernd Gallandi ohnehin leicht. Er war keine Diva hinter der Kamera, sondern einfach nur ein sehr guter Fotograf. Das hätte ihm in der Schule keiner geweissagt. Zwei Mal sitzen geblieben, nach der elften Klasse schneller Abgang, „bildungsfernes Elternhaus“. Aber ein Vater mit Humor, Zimmerman und Polier, der gern mal einen zu viel trank, immer zulasten der Haushaltskasse. „Was macht dein Vater?“ Klare väterliche Anweisung, wie auf so eine schnöselige Frage zu antworten ist: „Krumme Beine beim Kacken!“

Bernd ging nach Berlin, lernte im Lette Verein das professionelle Fotografieren und konnte gut davon leben. Er fotografierte alles: Zahnbohrer, Schmuck, Interieurs, Exterieurs inklusive Kletternetze mit tobenden Kindern, was ihm argwöhnische Blicke seitens der besorgten Väter einbrachte. Die Kunden hingegen liebten seine Art, auch wenn er immer etwas zu spät kam. „Da bin ich endlich …“ Wenn er mehr als drei Personen fotografieren musste, stellte er sich auf eine Leiter, denn er war nicht sehr groß. Nicht ganz 1 Meter 69, auch wenn es so im Pass stand. Einen kleinen Vergrößerungsfaktor musste man bei allem, was er tat, einkalkulieren.

Auch bei seiner Liebe, der allergrößten. Martina hatte er beim Stehblues kennengelernt, 1976, Jugendheim Essen Steele, Disko am Freitagabend. Sie stand dekorativ an der Wand, er tanzte sie an, und fortan waren sie ein Paar.

Den Heiratsantrag allerdings hat sie gemacht, in der Badewanne mit den zärtlichen Worten: „Wäre es jetzt nicht doch langsam sinnvoll …“ Die Familie wurde größer, für die zwei Söhne brauchte es ein schönes Haus, sie fanden eins in Frohnau, und bauten zehn Jahre daran. Als es dann gelb gestrichen war, applaudierten die Nachbarn.

Es war alles bestens, Bernd kümmerte sich wie ein Hirtenhund um seine Familie, in die jeder aufgenommen wurde, der ein Zuhause brauchte. Zuweilen war er ein wenig überfürsorglich, weil er immer sehr schnell alles für alle geregelt hat. Aber zugegeben, er hat auch immer das Optimale ausgeklügelt.

Er war stolz auf seine Söhne, stolzer noch auf seine Frau, die ihm noch immer und immer wieder die Allerliebste war, denn guten Sex mochte er schon sehr gern. Und gute Salatsaucen. Seine war die allerbeste, feiner Essig, gutes Öl, Ahornsirup und viele andere geheime Zutaten, alles bestens aufeinander abgestimmt.

Er war so gern glücklich. Gut, er ist mal von der Leiter gefallen, danach konnte er nicht mehr joggen. Ab jetzt hielt er sich mit Nordic Walken fit.

Im Urlaub ging er gern früh los, fotografieren, Kakerlaken, Blüten, große und kleine Landschaften, er hatte ein Auge dafür. Und abends saß die Familie zusammen und es wurde gezockt. Er war ein Meister im Scrabble, im kreativen Neuwortschöpfungsbereich. Da fiel ihm immer etwas ein. Er hat einfach gern gewonnen. Und dann doch plötzlich alles verloren.

Venedig, ein Urlaub mit Freunden. Er hatte wie immer alles geplant und jedes Hindernis im Blick. „Vorsicht! Löcher im Bürgersteig!“ – „Wir können selber gucken!“

Thema der Reise: Autoren in Venedig. Mit Hemingway über den Fischmarkt. Auf Goldonis Tipp Grießpuddings in der besten Patisserie vor Ort kaufen. Auf dem Turm am Markusplatz „Die Rote“ von Alfred Andersch rezitieren. Und natürlich die Überfahrt zum Lido. Das Wetter wurde schlechter, dennoch ein Picknick, Sekt und Paninis, vorgelesen wurde Thomas Mann, die Szene, in der Gustav Aschenbach stirbt.

Da meinte Bernd: „Mir ist so komisch.“ Ein Kribbeln, ein Gefühl, wie er es noch nie hatte. Zum Abendessen gab es ein Drei-Gänge-Menü und Cees Nootebom als Begleitlektüre. Die beiden gingen früh ins Apartment zurück. Ihm war kalt. Sie wärmte ihn und streichelte ihn. „Wenn am nächsten Tag noch was ist, gehen wir zum Arzt.“

„Ich liebe dich“, murmelte er und schlief ein. Wachte noch mal auf in der Nacht, ging zur Toilette, kam zurück, fiel neben dem Bett um und war tot. Gregor Eisenhauer

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