Berlin : Bernd Havenstein sammelt kyrillische Inschriften und alte Reklame

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Für Geschichte hat sich Bernd Havenstein schon als Schüler interessiert. Auf sein ungewöhnliches Hobby kam er, als er vor 20 Jahren geschieden wurde. Da hatte er auf einmal viel Zeit und spazierte am Wochenende durch die Stadt - mit Kamera und Schreibzeug. Vor allem Hinterhöfe in Prenzlauer Berg und Mitte zogen ihn an. "Ich war auf der Suche nach antiker Reklame, vor allem an alten Geschäften", sagt der Diplom-Ökonom. Die verschnörkelten Lettern von Schneidereien, Bäckereien und Friseurläden hat er auf Dias festgehalten.

An eine vergilbte Coca-Cola-Werbung an einer Giebelwand in der Elsenstraße in Treptow erinnert er sich genau. Der heute 47-Jährige hat sogar gleich nach der Wende an das Getränkeunternehmen geschrieben und gefragt, ob Interesse besteht, die alten Buchstaben wieder aufzufrischen. Auch ein Dia legte der in Lichtenberg lebende Havenstein bei. Doch die Antwort war negativ. Und inzwischen wird diese alte Reklame, so wie viele andere auch, von einem Neubau überdeckt. Havenstein bedauert, dass solche Geschichtszeugnisse verloren gehen.

Wie viele Dias er in den vergangenen Jahren aufgenommen hat, kann er nicht sagen. "Aber einige Hundert sind es bestimmt", schätzt er. Dazu zählen nicht nur Reklame-Aufnahmen, sondern auch Erinnerungen an die Sowjetarmee in Berlin. Havenstein ist vor Jahren durch einen Zeitungsartikel auf kyrillische Schriftzüge an Gebäuden im Ostteil der Stadt aufmerksam geworden. "Als die Russen 1945 Berlin befreiten, haben sie sich auf diese Weise verewigt", sagt Havenstein.

Bis heute ist, vor allem in Treptow, an großen Hallen aber auch Wohngebäuden in kyrillischen Buchstaben "prowereno min njet" zu lesen: geprüft, keine Minen. Mit schwarzer Farbe wurde dieser Satz an die Häuserwände gepinselt. Auf dem ehemaligen Gelände des Wachregiments an der Rudower Chaussee kann man ihn gleich an zwei Gebäuden sehen. Auch auf dem ehemaligen Areal der Berliner Metallhütte- und Halbzeugwerke (BMHW) in Niederschönweide wurde Havenstein fündig. Für ihn ist es jedesmal ein "tolles Gefühl, solche geschichtlichen Überbleibsel zu entdecken".

"Leider interessieren sich zu wenig Leute dafür. Die meisten gehen achtlos daran vorbei", sagt Havenstein nachdenklich. Er will seine Aufnahmen nicht für sich behalten, sondern könnte sich vorstellen, mit dem Treptower Heimatmuseum zusammenzuarbeiten. Vielleicht gibt er auch irgendwann mal ein Buch heraus, oder hält Dia-Vorträge. Als er neulich einmal seinen Freunden "die Russen in Berlin" näherbrachte, waren die jedenfalls begeistert, berichtet er stolz.

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