Berlin : Bernd Heimberger (Geb. 1942)

Existieren Autoren außerhalb ihrer Bücher? Würde er standhalten?

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Frühjahr 1983, Blankenfelde, südlich von Berlin. Ein Sohn protokolliert das Sterben seiner Mutter. Und das eigene Mitsterben, das eigene Kaumnochleben auch: „14 Uhr, die Wasseruhr wird ausgewechselt. Ich warte, warte, warte auf den Telefonanruf, wünschte, Lebensuhren könnten ausgewechselt werden wie Wasseruhren. – Seit einer Stunde bist Du im Operationssaal.“ Und er hat die Handwerker! Wegen der Wasseruhr. Einer fragt, ob es ihm gut gehe. So leise haben die Monteure noch nie im Haus gearbeitet. In dem Haus, in dem Bernd Heimberger aufgewachsen ist.

In dem Haus, das er nie verlassen hat und nie verlassen wird. In dem er mit seiner Mutter lebt. Er muss die Bäume im Garten schneiden für ihre Rückkehr aus dem Krankenhaus und erträgt schon den Anblick der Erdbeerpflanzen – „deiner Erdbeeren“ – nicht. Bald wird er registrieren, wie sich ihr Lächeln verändert. Es war immer ein Auf-mich-kannst-du-dich-verlassen-Lächeln gewesen, und nun steht eine Verlassenheit darin, die ihn erschreckt. „6. März. Einen ganzen Tag Deine Wäsche gewaschen: in Eifer und Eile, so daß ich schnell gedankenmüde wurde. – Alles in mir weigert sich zu glauben, daß Du eines Tages nicht mehr da bist.“ Er wünscht sich, seine Mutter wäre ein Kind von drei oder vier Jahren, so angewiesen auf ihn wie jetzt, und doch ganz anders. Denn er könnte ihr ein Leben versprechen.

Als diese Notate beginnen, im Frühjahr 1983, ist Bernd Heimberger 40 Jahre alt. Fast zehn Jahre später, 1992, erscheinen die „Sterbestunden. Anfang eines Abschieds“ bei Kiepenheuer, mit einem Geleitwort von Christa Wolf. „Ich finde, es ist Ihnen damit etwas Schweres gelungen – menschlich und literarisch!“, urteilt sie.

Schreiben heißt nicht zuletzt, Dinge in eine Distanz zu bringen, die anders nicht erträglich sind. Er wusste immer, dass er es kann. Schon als er in der Schule den Aufsatz über Arnold Zweigs Novelle „Der Streit um den Sergeanten Grischa“ abgab, und ihn mit dem Befund „Thema verfehlt. Ungenügend“ zurückbekam.

Statt über den Helden Grischa hatte Bernd Heimberger über den Antihelden Grischa geschrieben. Die geforderte Gliederung hielt er für ebenso irreführend wie die Ansichten seines Deutschlehrers über Zweigs russischen Soldaten, der 1917 aus deutscher Kriegsgefangenschaft flieht und hingerichtet wird. Also hatte er beide weggelassen. Thema verfehlt? Ungenügend? Der Schüler widersprach. Die Auseinandersetzung mit dem Lehrer begann bald, kaltkriegsähnliche Züge anzunehmen.

Es war nicht das erste Mal, dass Bernd Heimberger in der Schule auffiel. Er hätte es ohnehin vorgezogen, sie gar nicht erst zu besuchen. In den bitteren Nachkriegsjahren war das anfangs einfach gewesen, denn Bernd Heimberger und sein Bruder besaßen nur ein Paar feste Schuhe. Sie trugen sie abwechselnd, was die Schulzeit immerhin halbierte.

Als Bernd Heimberger Pionier werden sollte, besaß er schon eigene. Darum wartete er nun mit seinen Klassenkameraden, von denen er nichts wollte und sie nichts von ihm, in der Schulaula. Seine Lehrerin trug einen gebügelten und gestärkten Spitzenkragen und ein ebensolches Lächeln im Gesicht. An jenem Tag, als ihm das blaue Halstuch umgebunden wurde zum Zeichen, dass er sei wie alle, dass er dasselbe wolle wie alle, dasselbe wünsche wie alle, begriff Bernd Heimberger schlagartig: Ich bin vollkommen allein!

Das ist eine sehr niederschmetternde, aber doch auch eine erhebende Erkenntnis. Positiv formuliert, lautet sie: Ich gehöre mir selbst an! Radikale Selbstmitgliedschaft! Darum durfte er auch in der Grischa-Frage nicht nachgeben, wollte er nicht die Partei gefährden, deren einziges Mitglied er war.

Arnold Zweig muss entscheiden, schlug eine Nachbarin vor. Der Schüler verstand sofort: Schriftsteller sind Ich-Angehörige, sie müssen es sein, denn wer sollte sonst ihre Bücher schreiben? Also sandte Bernd Heimberger einen Brief an den Weltautor, versah ihn mit allen ihm nötig scheinenden Interpretationshilfen und legte seinen Aufsatz bei.

Nach einem halben Jahr ohne Antwort hielt er es für angemessen, eine Mahnung zu schicken. Und wurde eingeladen zu einem Fachgespräch mit Arnold Zweig.

Bernd Heimberger fuhr mit der S-Bahn nach Berlin. Die Berliner S-Bahn weiß es nicht, aber wenige liebten sie so wie Bernd Heimberger. Und wie bei jeder großen Liebe ist es dabei gleichgültig, ob die Geliebte sie auch verdient hat. Er schrieb bis zuletzt immer neue Erinnerungen an sie auf. Eine beginnt so: „Berlin. Was ist Berlin? Berlin ist die S-Bahn. Die einzige wirkliche S-Bahn der Welt.“ Und was war die Welt? Berlin. Nein, ohne Berlin hätte Bernd Heimberger Blankenfelde nicht ausgehalten. Auch das würde sich nie ändern. Als Achtjähriger machte er „Sanella“-Fahrten zu „Butter Lindner“ nach Lichtenrade, immer wenn die Buttermarken der Lebensmittelkarte Ost verbraucht waren. Auf die Butterfahrten folgten die Kinofahrten. Er liebte die Ruinen am Potsdamer Platz, aber noch mehr seine Kinos, diese Welthöhlen, an allen Wochentagen, zu jeder Tageszeit. Die Entscheidung zwischen einer Mathearbeit und dem Western „Witicha“ mit Burt Lancaster fiel ihm nicht schwer.

Aber das hier war keine Butter- und keine Kinofahrt. Jetzt würde er einem großen Schriftsteller gegenübertreten, seinem allerersten. Existieren Autoren außerhalb ihrer Bücher wirklich? Und würde er standhalten? Bis zuletzt erwog er umzukehren, aber etwas schob ihn weiter. Und dann stand er vor einem alten, sehr zerbrechlich wirkenden Mann. Der sprach mit ihm über den Sergeanten, zwei Deutungsbevollmächtigte auf Augenhöhe, der Autor und sein Leser. So hatte noch keiner mit ihm geredet. Es fielen nie gehörte Namen, Sigmund Freud, Karl Groos, Georg Lukacs. Als Bernd Heimberger das Haus des Schriftstellers verließ, wusste er, dass er all diese Namen kennenlernen musste. Und er ahnte, dass hinter der sichtbaren Welt des Alltags noch eine andere lag, die eigentliche, und mochte sie nur aus Buchstaben bestehen. In ihr würde er fortan leben.

An der Staatsbibliothek Unter den Linden entlieh der Germanistik-Absolvent Buch um Buch, um existieren zu können. Das hieß: um schreiben zu können. Die Freiheit ist keine Frage der Gesellschaftsform, sie ist eine Haltung zu sich selbst, beschloss Heimberger, und wurde freier Autor, freier Journalist, freier Kritiker in der DDR. Eine tief beargwöhnte Existenzform. Auch als Kritiker war Heimberger ungewöhnlich: Immer wieder hatten Autoren das Gefühl, da habe sie einer besser verstanden als sie sich selbst. Er tauchte tief ein in die literarische Welt Berlins und blieb doch immer in dem kleinen Haus seiner Kindheit.

1991 begründete er mit anderen den Kulturverein Blankenfelde und bald auch die „Blankenfelder Blätter“. Er verpflichtete Künstler, deren Namen fast zu groß schienen für diesen kleinen Ort südlich von Berlin. Aber wo Bernd Heimberger leben konnte, würden sie doch wohl auftreten können. Dabei verschwand das Blankenfelde, das Heimberger liebte, vor seinen Augen. Immer waren die alten Häuser, die Promenade seiner Kindheit, die schönen Plätze der Zeit im Weg, die sich zur jeweils neuen erklärte. Das war vor 1989 so und danach auch. Sein Verhältnis zur örtlichen Politik glich bald dem zu seinem „Grischa“-Lehrer. Wer für Novellen in die Schlacht zieht, kämpft auch um ein altes Pfarrhaus, als gelte es sein Leben. Die Kommunalpolitik ist zu wichtig, um sie den großen Parteien zu überlassen, beschloss Heimberger und mischte sich ein.

Am 14. Dezember 2011 erschien in der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“ ein Artikel zum Ergebnis der Stasi-Überprüfung der Kreistagsabgeordneten. Einer Karteikarte der „Rosenholzdatei“ sei zu entnehmen, dass Heimberger zwischen 1982 und 1988 von der für Auslandsspionage zuständigen Hauptverwaltung Aufklärung als IM geführt worden sei. Es stand auch darin, dass diese Karteikarte nichts beweise. Man geht heute davon aus, dass es sich bei 90 Prozent der „Rosenholz“-Registrierten nicht um IM gehandelt habe.

Der Blankenfelder Bürgermeister verschickte eine Kopie des Artikels als Rundmail – damit alle wüssten, „mit wem sie es zu tun“ hätten. Die letzte Spalte, die das Verdachtsmoment auf sehr grundsätzliche Weise relativiert, ließ er weg.

Ein Jahr lang hat Bernd Heimberger um seinen Namen gekämpft. Wer sein Leben auf radikale Selbstmitgliedschaft gründet, ist wohl verwundbarer als andere. Freunde erkannten ihn nicht wieder. Er wusste, dass sein Blutdruck viel zu hoch war. Sein Körper sei Realist, befand er, und zum Arzt gehe er, wenn der Schmutz von seinem Namen fortgewischt sei. Er hat es nicht mehr geschafft. Kerstin Decker

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