Berlin : Bernd-Jürgen Kubatz (Geb. 1941)

Im Vorstand war er immer, Vorsitzender nur kurz

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Am 14. März 1972 saßen sechs Segler, die, da es sich um West-Berliner Segler handelte, mit ihren Booten nie weit kamen, beisammen in der Kreuzberger Wohnung von Bernd Kubatz und taten, was Segler ohnehin gern tun, gleich ob an Land oder auf dem Wasser: Sie tranken viel. Außerdem besprachen sie, wie es nun weitergehen sollte, nachdem der Inhaber des Steges gestorben war, an welchem ihre Boote lagen.

Was tut ein Deutscher, der nicht allein ist und gemeinsam Dinge regeln will? Er gründet einen Verein. Da unsere Segler, als sie dies beschlossen, bereits zu angetrunken waren, beurkundeten sie die Gründung des „Fahrten-Segler am Postfenn e.V.“ am folgenden Tag. Und da sechs zur Vereinsgründung nicht reichen, benannten sie noch zwei Ehefrauen als Mitgründer.

Zu Bernd Kubatz gehörte keine dieser Ehefrauen, wie überhaupt nie eine Ehefrau zu ihm gehörte. Zehn Jahre war er mit einer Frau zusammen, aber eine Heirat kam für ihn nie infrage. Vielleicht lag das am Verein, denn welcher ehrliche Mensch heiratet, wenn er doch weiß, dass es immer etwas Wichtigeres als den Ehemenschen geben wird? Vielleicht lag es auch an seiner Mutter, die zwar aus Bernds Wohnung auszog, als Brigitte einzog, aber dann nur zwei Etagen höher wohnte.

Von ihr ließ Bernd Kubatz sich was sagen, womöglich auch vom ein oder anderen Chef in seiner Firma, damals, vor der Rente. Er war Elektriker und Bauleiter. Im Segelverein, seiner eigentlichen Heimat, führte er das Wort. Sollte mal einer anderer Meinung sein als er, war das sowieso die falsche, dieser Meinung jedenfalls war er, mal ganz grundsätzlich. Und es fiel ihm gar nicht schwer, sie kundzutun.

Schwer mag es manchem Neuankömmling im Verein gefallen sein, den rauen Ton des Schriftführers zu ertragen. Schriftführer war er die längste Zeit, im Vorstand immer. Vorsitzender war er zwischendurch einmal, zwei Jahre lang, bis klar war, dass es an dieser Stelle nicht nur um Sachverstand geht, sondern auch um diplomatisches Geschick und ausgleichende Töne.

An Sachverstand hat es ihm nie gemangelt, und wer sich mit ihm gutstellte, konnte jede Menge lernen. War ja klar, er hatte sein halbes Leben auf dem Wasser verbracht. Seine Mutter war Sportschwimmerin gewesen, damals noch, im Osten. Und hat ihren Sohn in den Ruderverein des Baukombinats gesteckt, „Aufbau Zentrum“ in Friedrichshagen. 1959 sind sie in den Westen abgehauen, und Bernd kam, noch als Lehrling, zur Segelei. Es ging nicht um Luxus, handwerkliches Geschick war vorhanden – so konnte sich auch dieser junge Flüchtling aus der Ostzone den Eintritt in die weiße Welt des Segelns leisten, die mancher für eine unwahrscheinlich teure hält.

Gemeinsam mit zwei Freunden kaufte er ein marodes Holzboot und richtete es her, eine „Z-Jolle“. 6,40 Meter langer Holzrumpf, 20 Quadratmeter Segelfläche: kein Boot, auf dem man Kaffee trinkt, eher eins zum Überholen, mit dem man, wenn man es nicht gut beherrscht, auch prima kentern kann. Um dabei laut zu fluchen und anschließend, an Land bei Bier und Korn, das Manöver zu kritisieren und über die ganzen Nullen, die einem auf dem Wasser den Weg versperrt haben, herzuziehen.

Den beiden Freunden war die Angelegenheit irgendwann zu aufwendig, Bernd Kubatz blieb dabei, schliff und lackierte sein Boot und raste darauf zwischen Stößensee und Glienicker Brücke hin und her, jene 15 Kilometer, die dem West-Berliner zur Verfügung standen.

Da es dem wahren Segler nicht allein ums Segeln geht, erstand Bernd Kubatz noch eine E-Jolle aus dem Jahr 1932, Mahagoni und verwahrlost, und setzte auch sie jahrelang instand, um sich, als es schließlich den Verein gab, auch noch um dessen Belange zu kümmern: Steganlage, Vereinshaus, Boote für den Nachwuchs; man ahnt ja nicht, wie viel Arbeit auf dem Trockenen der Wassersport erfordert.

Entsprechend wichtig war es, vernünftige Leute im Verein zu haben. Es bewarben sich ja immer mehr Akademiker, die man für nichts gebrauchen kann und die auch noch empfindlich reagieren, wenn man ihnen das mal sagt.

Die Zeiten haben sich gewandelt. Der Steg steht fest, das schwimmende Vereinshaus ist lange nicht mehr abgesoffen, die großen Aufbauleistungen sind erbracht. Handwerker, wie es die meisten Gründer waren, gibt es kaum noch. Bei Vereinsfesten steht Bionade auf den Tischen. Und es gibt nur noch wenige wie Bernd Kubatz, für die der Verein die Heimat ist und das Segeln Lebenszweck.

Ein Vereinskamerad hat Bernd Kubatz, den gefürchteten Polterer, schon als Knabe kennengelernt. Später merkte er, wie wichtig und hilfreich der Obersegler war. Als Bernd Kubatz mit Leukämie im Krankenhaus lag, hat er ihm einen Laptop mit schnellem Internetzugang vorbeigebracht. So konnte das erste und bislang einzige Ehrenmitglied des „Fahrten-Segler am Postfenn e.V.“ die Live-Übertragungen des „Volvo Ocean Race“ vom Bett aus verfolgen. Die Regatta um die ganze Welt endete am 22. Juni, dem Tag, an dem Bernd Kubatz starb.

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