Berlin : Bernd Thiel schreibt das Goldene Buch der Stadt

Roland Schulz

Bernd Thiel hat ungefähr 200 Mal Geschichte geschrieben, genau weiß er das nicht mehr. Aber an das eine Mal im Herbst 1990 erinnert er sich, als sei es gestern gewesen. Wie immer hielt eine schwarze Limousine des Senats vor seinem Haus, wie immer stieg der Fahrer aus, das Buch unter dem Arm. Nicht irgendein Buch. Das Buch. Das Goldene Buch der Stadt. Es lag ein Zettel darin. Ein einfacher, drei Mal gefalteter Zettel aus Recycling-Papier, wie aus der Hosentasche gezogen. Er faltete ihn auseinander und las. "Tag der Deutschen Einheit", stand da, "3. Oktober 1990", und dann fuhr ihm die Ehrfurcht den Nacken hinab.

Das passiert auch heute noch, wenn er erzählt, wie er den Text für seinen wichtigsten Eintrag in das Goldene Buch las. Bernd Thiel springt dann auf vom Tisch in seiner Dachwohnung in Wedding, seine Hände schreiben den historischen Eintrag in die Luft, "das war das Schönste", ruft er. Endlich richtige, reine Geschichte - der Höhepunkt unter den ganzen Königinnen und Premierministern und Präsidenten.

Bernd Thiel hat sie alle eingeschrieben in das Goldene Buch, Prinzessin Diana, Mutter Theresa, ein paar amerikanische Präsidenten und diverse andere Staatsoberhäupter. Thiel ist der Stadtschreiber von Berlin. Seit bald 25 Jahren schreibt er das Goldene Buch und das Gästebuch der Stadt Berlin, dazu noch die Urkunden der Ehrenbürger. Jeder hohe Besuch, der in dieser Zeit das erste Mal nach Berlin kam, hat seine Unterschrift im Goldenen Buch unter seine englische Schreibschrift gesetzt. Das ist ein Problem. "Mit der Zeit", sagt der 53-Jährige, "stumpft man ab." Deswegen freute sich der Kalligraph umso mehr über den Eintrag zum Tag der Einheit, "weil ich wusste: Dieser Eintrag, der geht in die Geschichte ein."

Diese Aussicht ließ Bernd Thiel schaudern. Wie damals, als sein Weg zum Stadtschreiber begann. Mit seiner Klasse machte der Grundschüler Thiel einen Ausflug zum Rathaus Schöneberg, die Freiheitsglocke ansehen. Dort sah er das Goldene Buch zum ersten Mal, ausgestellt in einem Glaskasten. Er guckte ganz fasziniert, und dachte: "Wahnsinn - wie kann man nur so schreiben?" In seinem Zeugnis stand der Satz "Bernds Handschrift lässt zu wünschen übrig." Deswegen blieb das Goldene Buch ein Traum - bis zu jenem Tag im Jahr 1974, an dem Bernd Thiel eine Stelle als Grafiker bei Schering antrat. Als er seinen Chef Wolfgang Miethke traf, lag auf dessen Schreibtisch das Goldene Buch. Thiel konnte es nicht fassen. "Ist das das Goldene Buch? Sie schreiben es?" Ja, antwortete Miethke, der seit 1953 neben seinem Beruf Kalligraph des Senats war, und sagte: "Dann üben Sie mal, ich suche noch einen Nachfolger." Bernd Thiel übte zwei Jahre. Dann war auch er Kalligraph von Berlin, neben Miethke der zweite Schreiber des Goldenen Buches.

Bernd Thiel kann inzwischen viele Geschichten erzählen. Wie für den schwergewichtigen König von Tonga eigens ein Sessel eingeflogen wurde, damit er beim Schreiben sitzen konnte. Wie der Präsident der Republik Benin erst dann seine Unterschrift leistete, als sein Planungsminister eine Hymne auf die Weltrevolution eingetragen hatte. Oder wie hohe Herrschaften unzählige Male den vergoldeten Füller einsteckten. "Da kommt ein Reflex - zack, stecken die den Füller ein. Da kann man ja auch nicht hinterher rennen und schreien, hee, unser Füller!" Also kaufte man neue Füller. Wenn er erzählt, geht er auf und ab, ahmt Berühmtheiten und Prominente nach. Nicht ehrfürchtig, nicht spöttisch, eher bedacht.

Diese Eigenschaften sind wichtig für Kalligraphen. Sie dürfen keine Fehler machen. Fehler, sagt Thiel, seien das Schlimmste. Einmal unterschrieb ein amerikanischer Außenminister so schwungvoll, dass der Füller die Seite durchbohrte und kleckste. "Furchtbar", sagt Thiel. Sein Vorgänger musste stundenlang radieren, mit allen Tricks und Kniffen, bis die Seite wieder rein war. Das kleine Loch blieb. Niemals ist eine Seite aus dem Goldenen Buch herausgerissen worden, "niemals", sagt Thiel.

Darauf ist er stolz, und damit das so bleibt, zelebriert er zu jedem Eintrag, den er schreibt, ein kleines Ritual. Erst schaltet er das Radio ein. Sobald die klassische Musik erklingt, legt er seine Werkzeuge zurecht. Den Bleistiftstummel von Ikea, mit dem er die Linien zieht, dazu den Wasserfarben-Malkasten, der mit der Tusche gefüllt ist, die einfache Schulfeder, die er nach fünf Einträgen immer austauscht, die grüne Wasserbox. Und das Buch. Das in Pergamentpapier gefasste, mit Zierrahmen geschmückte Goldene Buch der Stadt Berlin. Jetzt kommt die Angst. Die Angst zu klecksen, weil die Konzentration fehlt.

Mit dieser Angst schreibt Bernd Thiel. Eine Stunde, in der ihn niemand stören darf, nicht seine Frau und nicht sein Sohn, der einmal sein Nachfolger sein soll. Hoffentlich. Denn nur vor einem hat der Kalligraph Bernd Thiel mehr Angst als vor dem Klecksen. "Bald werden wir keine Schreiber mehr haben", sagt er, "der Computer macht das kaputt. Vielleicht wird es in 50 Jahren nur noch einen Automaten geben. Dann werden Kalligraphen nicht mehr gebraucht."

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