Berlin : Bernhard Heldt (Geb. 1936)

Kaum jemand interessierte sich noch für seine Thesen – außer der Staatsmacht.

Thomas Loy

Verstanden haben seine Schwestern nicht, warum er so radikal war, so unversöhnlich gegen die Welt, so aggressiv im Denken gegen sich und andere, so unbelehrbar. Geliebt haben sie ihn trotzdem, er war ja ihr Bruder und kein böser Mensch. Nur ein äußerst schwieriger. Ein verbissener Weltverbesserer.

Im Internet findet sich ein offener Brief von ihm. Darin geht es um „Morddrohungen gegen Horst Mahler“, den Holocaust-Leugner und rechten Chefideologen. Bernhard Heldt schreibt über einen „Versuch der Zionisten, die deutschen Nationalsozialisten als Faschisten und Holocaustverbrecher zu diffamieren“ und über den angeblichen „Rassenwahn“ der Juden. Dieser Brief ist das infamste Pamphlet, was aus der Feder von Heldt im Internet zu finden ist. Woher rührt dieses absurde Umdeuten der Geschichte, dieser blinde Hass?

Bernhard Heldt hatte sich mit den Theorien von Franz Oppenheimer auseinandergesetzt, der schon in den zwanziger Jahren einen „dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Kommunismus gesucht hatte, eine Art liberalen Sozialismus. Ohne das komplizierte ökonomische Geflecht wirklich zu durchdringen, mühte sich Heldt mit Fragen der internationalen Wirtschafts-, Währungs- und Finanzpolitik. 1990 sah er die historische Chance gekommen, den Umbau des Gesellschaftssystems im Oppenheimer’schen Sinne einzuleiten. Er schrieb Briefe an einflussreiche Leute wie Richard von Weizsäcker, Roman Herzog und Lothar de Maizière. Eine neue deutsche Verfassung sollte erarbeitet werden, doch das Vorhaben misslang. „Die Geheimdienste“, klagte Heldt, hätten alle Bestrebungen „unter Ägide der USA“ neutralisiert und Gegner der Wiedervereinigung per Ost-Anschluss „politisch liquidiert“. Der Weltverbesserer, dem niemand zuhören wollte, suchte Erklärung und Trost in Verschwörungstheorien.

Heldt meinte, sich gegen die „Faschismuskeule“ der Linken wehren zu müssen, gegen Denkverbote und Tabus. Er war rücksichtslos in seiner Wortwahl, manchmal schamlos. Niemand konnte ihn bremsen, wenn er sich intellektuell verrannte, mit Ismen nur so um sich warf, dabei Logik und Struktur gerne vernachlässigend. Er suchte verzweifelt den Dialog mit allen politischen Akteuren, wollte „Links“ und „Rechts“ zusammenführen, aber wohin, wusste er auch nicht so genau.

Mit Horst Mahler und anderen Rechtsextremisten zu reden, war für ihn nur konsequent, denn schließlich gebe es Gemeinsamkeiten wie die Forderung nach der neuen Verfassung. Mahlers kryptoreligiöse Thesen faszinierten ihn, sie schienen seine Gesellschaftskritik theologisch zu untermauern. Die Rückbesinnung auf „germanische Wurzeln“, das Abschütteln der „Fremdbestimmung durch Judentum und Katholizismus“. Dass die Verbrechen der Nationalsozialisten einer Rückbesinnung auf nicht näher bestimmte germanische Traditionen im Weg standen, reizte nur seinen Widerspruchsgeist.

2001 arbeitete Heldt im „Berliner Bündnis gegen Rechtsextremismus“ mit – schließlich war er auch gegen den rassistischen Straßenmob, der Dönerbuden anzündete und jüdische Friedhöfe schändete. Nach einiger Zeit wurde er dennoch als „rechter Querfrontstratege“ hinausgeschmissen. Zwei Jahre später beteiligte er sich an der Initiative „Vereinigung Deutsche Nationalversammlung“, die ihre Briefe mit der Ortsangabe „Groß-Berlin“ verschickt. Kaum jemand interessierte sich noch für Heldts Thesen – außer dem Verfassungsschutz.

Zuletzt war er politisch isoliert, aber umso überzeugter von seiner Mission. Einen „hochnarzisstischen Fundamentalisten“ nennt ihn einer der wenigen, die sich noch an ihn erinnern. Für die Linksextremen war er ein verkappter Nazi, für die Rechtsextremen ein eigenbrötlerischer Träumer, untauglich für die „nationale Erhebung“.

Wenn er seine Familie besuchte, zettelte er ohne Umschweife eine politische Diskussion an. Gespräche über Fernsehserien, Rezepte oder Modetrends quälten sein Ego. Entweder ging es ums Ganze, oder die Sache war es nicht wert. Selbst an den Weihnachtsfeiertagen: Hitler, Stalin, Holocaust, Gulag, CIA, KGB, Atomkrieg.

Auch die Kunst hatte keinen Wert. Er konnte zeichnen, sehr gut sogar. „Mach‘s doch wie Goya“, bettelte seine Schwester. Gemälde als politische Anklage, viel mächtiger als beschriebenes Papier. „Weißt du, dass man beim Malen hervorragend denken kann?“, lockte sein Schwager. Seine Mutter schenkte ihm eine Staffelei. Da stellte er fremde Bilder drauf und setzte sich wieder an den Computer.

Als Jugendlicher hatte er eine Nonne im Profil gezeichnet, ganz schnell, aus einer Laune heraus. Seine Schwestern lobten. Das war ehrlich gemeint, aber ein schwerer Fehler. Er zerriss die Zeichnung. Im Laufe des Lebens zerstörte er alle Bilder, die er gemalt hatte, hängte dafür Trouvaillen vom Trödel auf. Überliefert ist nur eine Zeichnung, die er verschenkt hatte. Vor einer dunklen Hafenkulisse mit großen Schiffen rudert ein einsamer Bootsmann durch die Mondnacht, als wolle er aus dem Bild hinausfahren. Die Zeichnung lässt sich als Selbstporträt deuten: der einsame Ruderer auf der Suche nach seinem Bestimmungsort.

Es ist ein Berliner Arbeiterhaushalt, in den er hineingeboren wird, als Junge zwischen drei Schwestern. Er lernt Elektriker, bricht ab, lernt Dekorateur, bricht ab, baut eine kleine Baufirma auf. Er restauriert alte Türen, baut liebevoll gestaltete Osterlandschaften und Weihnachtskrippen, legt einen Steingarten an, so farbenprächtig, dass alle Besucher staunen – und schweigen, denn jedes Lob verkehrt sich ins Gegenteil.

Er wurde älter und ungeduldiger, schrieb immer schneller, als ob die Worte verderben könnten. Der Körper, er soll sich mal nicht so haben. Die Herzschmerzen sind doch nur ein Zipperlein, ein Nichts vor dem großen Getriebe der Geschichte. Dann ist Bernhard Heldt einfach umgefallen, ein Infarkt, der alles Wollen, Denken und Streben wie einen Luftballon zerplatzen lässt. Zurück blieben seine Texte im Internet. Einige sind schon gelöscht. Thomas Loy

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben