Berlin : Bernhard Leisering (Geb. 1951)

Sie fragten ihn nicht mal, ob er in die Partei eintreten wolle

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Ungarn, Sommer 1989. Da ist ein Loch im Eisernen Vorhang, und für tausende Urlauber aus der DDR stellt sich die Frage ihres Lebens: Jetzt in den Westen fliehen oder nie? Das alte Leben aufgeben, ein neues mit mehr Geld und Freiheit aufbauen? Die Leiserings sind auch in Ungarn, aber sie stellen sich die Frage nicht. Wozu die Heimat tauschen, ihnen geht es gut.

In den folgenden Monaten überstürzen sich die Ereignisse, die Leiserings führen ihr Leben weiter wie gehabt.

Wer über DDR-Biografien spricht, spricht von Verbiegungen, Verrenkungen; wenn es um die Jahre 89/90 geht, von Brüchen. Von alldem kann in diesem Leben keine Rede sein.

Bernhard Leisering kommt aus Leipzig, seine Eltern sind Lehrer, er wird Architekt. Seit 1971 studiert er in Dresden, 1972 lernt er Gisela kennen, 1973 heiraten die beiden und beziehen ein gemeinsames Zimmer im Studentenwohnheim, 16 Quadratmeter, das genügt auch für den ersten Sohn, der 1974 auf die Welt kommt. 1975 schließt Bernhard sein Studium ab, planmäßig, eine Arbeitsstelle wird ihm zugewiesen: Industrieprojektierung beim „Bau- und Montagekombinat Kohle und Energie“. Kraftwerke planen, ungefähr das Ödeste, was man sich als junger Architekt vorstellen kann. Aber was macht das angesichts des Glücks, in Berlin wohnen und arbeiten zu dürfen?

Das erste Jahr verbringt Bernhard dort allein mit dem einjährigen Sohn. Für den gibt es einen Krippenplatz und für Bernhard einen Haushaltstag, einmal im Monat. Gisela bringt ihr Studium zu Ende und zieht ein Jahr später zur Familie nach Berlin. Sie hat eine Stelle beim Wohnungsbaukombinat bekommen, entwirft dort Plattenbauten und beneidet Bernhard, der mit Kraftwerken bald nichts mehr zu tun hat.

Sein Projektierungsbüro wird mit dem Innenausbau des Berliner Doms betraut. Die wilhelminische Prunkkiste wird mit Geld aus dem Westen wiederaufgebaut, und Bernhard kann seine Fertigkeiten unter Beweis stellen: Er ist nicht auf der Suche nach Eingebungen, die sein Entwurfsgenie belegen, er ist ein zuverlässiger Praktiker mit einem Gespür dafür, wie Verwittertes und Zerstörtes restauriert und konserviert wird. Was er entwirft, passt sich in die Dinge, die schon da sind, ein. Ein Fachmann genau dort, wo er das Beste tun kann. Ein Glück für seinen Betrieb, ein Glück für ihn. Muss sich so einer verbiegen? Sie fragen ihn nicht einmal, ob er in die Partei eintreten möchte.

Und dann befasst er sich mit einem noch interessanteren Projekt, als es der Dom war, der Synagoge in der Oranienburger Straße. Zwischen 1988 und 1995 leitete er Sanierung und Umbau der Ruine, zunächst als Angestellter des Projektierungsbüros, dann als Chef seiner eigenen Architekturfirma. In den Wendejahren hat er mit der Synagoge zu tun, Zeit für Sorgen um die Zukunft hat er nicht. Im Gegenteil: Er merkt jetzt, dass sich seine Ausbildung gelohnt hat, dass der Beruf des Architekten ein höheres Ansehen verschafft als der des Bauarbeiters. Im Arbeiter- und Bauern-Staat war das nicht unbedingt der Fall. Aber wenn jemand auf die Baustelle fahren muss, um die Arbeiten zu begleiten, tut er das weiterhin gerne. Vor seinem Studium hat er den Maurerberuf gelernt, er weiß, worum es auf den Gerüsten geht. Und er kann sich verständlich machen. Für Bauskizzen braucht er keinen Computer, er zeichnet sie mit links, wortwörtlich. Nur beim Schreiben haben sie ihn auf rechts getrimmt. So wandert der Stift immer von der einen Hand zur anderen.

Mitte der Neunziger kaufen sich die Leiserings ein kleines Haus – was für einen Luxus ihnen die neue Zeit beschert! Bisher haben sie in der winzigen Wohnung in Oberschöneweide gewohnt, die beiden Söhne auf acht Quadratmetern.

So wie in der DDR als angestellter Architekt hat Bernhard Leisering mit seinem Architekturbüro im neuen Deutschland unverschämtes Glück: Er lernt die Schwierigkeiten privater Bauvorhaben kennen, Renditedruck, Zahlungsmoral; aber bei den öffentlichen Auftraggebern spricht sich herum, was er für einer ist: der Mann für die behutsame Sanierung, umgänglich, bescheiden, zuverlässig. Eigene Akzente setzt er dort, wo es nicht anders geht: Der ehemalige Garbaty-Speicher in Pankow soll eine Schule werden und braucht größere Fenster. Das Renaissance-Schloss von Doberlug soll eine neue Turmspitze bekommen, Fotos oder Pläne vom Original gibt es nicht. Die Aufträge kommen von ganz allein.

Auch im Privaten nehmen die Dinge einen unspektakulär schönen Lauf. Der eine Sohn wird Musiker, der andere Architekt, hin und wieder holt Bernhard Leisering seine Gitarre aus dem Keller und die alten Notenblätter seiner Schülerband. Dann spielt er „Yesterday“ von den Beatles oder „Ruby Tuesday“ von den Stones und seine Frau Gisela kocht was Italienisches. Montags gehen sie schön essen, denn schöne Wochen sollen schön beginnen.

Als habe das Schicksal kein Verständnis für ein so gerades Leben, beendet die Krankheit, Leukämie, das alles, seit 2004 allmählich, seit Anfang 2012 abrupt. Gisela Leisering sitzt in dem schönen Haus, erzählt von diesem selbstverständlich guten Leben, das die meisten Jahre auf viel engerem Raum stattfand, und sagt ratlos: Jetzt hab ich das ganze Haus für mich allein. Aber ihr ist ein großes Glück geblieben, ihre zwei Söhne, deren Ähnlichkeit zum Vater nicht zu übersehen ist. Sie sind jetzt oft bei ihr. David Ensikat

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