Berlin : Bernhard Teicke (Geb. 1920)

Die Mauer? Unmöglich! Schon aus logistischen Gründen.

Kerstin Decker

Er war der Herr der Oberfläche. Solche Namen tragen sonst nur mythische Mächte – und der Busbevollmächtigte der BVG. Man wusste gleich, wofür Bernhard Teicke nicht verantwortlich war: für die BVG unter der Oberfläche, für die U-Bahn.

Es ist in diesen Tagen des ruhenden S-Bahn-Verkehrs nicht gut, mit dem Berliner Verkehrswesen in Verbindung gebracht zu werden, schon gar nicht als Verantwortlicher. Als Bernhard Teicke noch der unumschränkte Herr der Berliner Oberfläche war – fast zwanzig Jahre lang blieb er „Chef der großen Gelben“ – war das ganz anders.

Geboren hinter den trutzigen Mauern der Burg Rößel in Ostpreußen, deutete lange nichts darauf hin, dass er sein Leben einmal dem öffentlichen Nahverkehr widmen würde. Die Teickes haben traditionell vor allem Streiter für Gott, also wehrhafte Pfarrer in der ostpreußischen Diaspora und zwischendurch einen Militärmusiker hervorgebracht. Der komponierte den fast auf der ganzen Welt gespielten populären Marsch „Alte Kameraden“: „Alte Kameraden auf dem Kriegespfad / In alter Freundschaft felsenfest und treu. / Ob in Kampfe oder Pulverdampf …“

Teickes Vater Bernhard bevorzugte den Pulverdampf von der Kanzel. 1932 von Ostpreußen nach Berlin an die neue Kirche am Hohenzollerndamm berufen, erhielt er schon 1933 zeitweise Predigtverbot. Als Vater von vier Söhnen blieb er jedoch der unumschränkte Souverän, und Bernhard Teicke junior, der bei Tisch immer in Reichweite der Rechten seines Vaters saß, lernte als Kind vor allem eins: sich schnell und tief genug zu ducken.

Seine eigenen Kinder gehörten zu der Generation, der nichts so unheilvoll schien wie die geduckte Lebenshaltung. Und immer wieder staunten sie darüber, wie aus dem furchtsamen Jungen am Teicke’schen Familientisch ihr offener, jedem Fremdfahrplan des Lebens aufgeschlossener, ganz und gar undespotischer Vater werden konnte. Ja, mehr noch: Ein „Herr der Oberfläche“, der jeden Sonnabend für die ganze Familie Suppe kochte. Der seinen fünf Kindern fast täglich das Frühstück machte. Gerade weil seine Frau, auch sie das Kind einer Pfarrersfamilie, zu Hause blieb, dachte Bernhard Teicke, sollte sie keine Sieben-Tage-mal-24-Stunden-Woche haben. Und die Kinder fanden den Morgen umso gelungener, wenn sie, große Ausnahme, vom Chauffeur des Vaters gleich noch zur Schule gebracht wurden. Wer will schon immer Bus fahren?

Der Krieg hatte Bernhard Teicke als Nachrichtensoldat nach Russland, Lettland, quer durch die Ukraine bis nach Italien geführt. „Ob in Freude, ob in Not,/ Bleiben wir getreu bis in den Tod. / Trinket aus und schenket ein …“ Aber dieser Krieg, an den er zwei seiner Brüder verlor, passte in keinen Teicke-Marsch mehr. Als er zurückkam aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft, wusste er, dass unmöglich war, was noch alle Generationen zuvor gekonnt hatten: sich an einfache Vorbilder zu halten. Er musste sich selbst die Verfassung geben, nach der er leben wollte.

Kurz vor Ausbruch des Krieges hatte Bernhard Teicke ein Studium an der TU begonnen. Nun teilte man dem Rückkehrer mit, ihn frühestens 1953 immatrikulieren zu können. Es blieb ihm nichts übrig, als sich ins Leben zu immatrikulieren. Es fand ihn bald als Schaffner, Kassierer, Fahrer, Dienstzuteiler, Prüfer der BVG. Nichts, was er dort nicht gewesen wäre. Mit 18 Bussen haben die Berliner Verkehrsbetriebe nach dem Krieg angefangen. Und selbst wenn es nicht so bald wieder 908 waren wie vor dem Krieg – die Schlaglöcher verschwanden von den Straßen genau wie aus Bernhard Teickes Leben. Er wurde Assistent der Geschäftsführung, schließlich „Abteilungsleiter BVG Oberfläche“.

Als Preuße besaß er einen gewissermaßen angeborenen Sinn für Pünktlichkeit, und dass kein Plan wichtiger ist als ein Fahrplan, musste ihm niemand erklären. Nicht ohne Befriedigung betrachtete er Logik, Präzision und Symmetrie der Streckenführung. Nein, es war unmöglich, mitten durch ihre Buslinien eine Mauer zu bauen. Wer wie er bei der BVG war, konnte schon aus logistischen Gründen nicht an ein solches Bauwerk glauben. Und dann waren sie die ersten, denen etwas einfallen musste: ein neues Streckennetz über Nacht! Die S-Bahn fuhr zwar, aber leer, denn die nunmehr eingemauerten West-Berliner boykottierten das von der DDR betriebene Transportmittel. Die können doch jetzt unmöglich alle Bus fahren, dachte der spätere Herr der Oberfläche. Sie konnten. Die BVG lieh sich alles aus, was vier Räder hatte und aussah wie ein Bus. Reisebusse, Privatbusse, Vorführbusse.

Die neuen Herren der Oberfläche kommen nicht mehr wie Bernhard Teicke von unten, sondern von oben. Und es sind gleich mehrere, mit mehrfachem Verdienst ohnehin, das liegt an den geistigen Linienführungen der neuen Zeit. Bernhard Teicke tadelte sie nicht, es war nur nicht mehr seine BVG, also eine, von der irgendwie schon das Teicketraditionsliedgut wusste: eine BVG der alten Kameraden.

Seine Frau Gertrud ist vor ihm gestorben. Fast fünfzig Jahre haben sie miteinander verbracht. Ihre Kinder haben diese lange Liebe immer bewundert. Welches Geheimnis kannten sie, fragten die Kinder. Vielleicht das selbstverständlich gelebte Wissen, dass Liebe zugleich mehr und weniger als Liebe ist – das Geheimnis der alten Kameraden? Kerstin Decker

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