Berlin : Bernhard Wilpert (Geb. 1936)

Wo Menschen sind, werden Fehler gemacht. Wie geht man damit um?

Jan Pfaff

Es gibt ein Menschenrecht, Fehler zu machen, davon war er überzeugt. Organisationen, die perfekte Mitarbeiter verlangten, waren ihm ein Graus. Man kann nicht erwarten, dass ein Mensch sich niemals irrt, nie unaufmerksam ist.

Aber wie kann man dennoch Flugzeuge fliegen lassen, Kernkraftwerke betreiben? Im Jahr 1990 gründete der Psychologie-Professor Bernhard Wilpert die „Forschungsstelle Systemsicherheit“ an der TU Berlin. Es war eine Zeit, in der viele Ingenieure hofften, den Menschen als Fehlerquelle eines Tages ganz auszuschließen, indem man ihn durch Maschinen ersetzt. Er war sich sicher, dass das nicht funktionieren werde. Dass es besser sei, stattdessen die Organisation so zu verändern, dass sie Fehler der Mitarbeiter verzeiht und aus den Fehlern lernt.

„Nichts ist praktischer als eine gute Theorie.“ Diesen Satz von Kurt Levin, Pionier der Gestaltpsychologie und sein geistiger Ziehvater, hielt er jenen entgegen, die ihn als abgehobenen Wissenschaftler disqualifizieren wollten. Aber, ermahnte er seine Studenten, es sei umgekehrt auch wichtig, den Seminarraum zu verlassen und immer wieder „ins Feld“ zu gehen.

Vor Ort machte er sich sein Bild eines Störfalls. Er führte Interviews mit allen Beteiligten, Schichtarbeitern, Schichtführern, Management, er besichtigte die technischen Anlagen. Anschließend zeichnete er ein Diagramm mit dem sekundengenauen Ablauf des Ereignisses. Er lehnte es ab, von ein oder zwei Ursachen für einen Störfall zu sprechen. Es ging ihm um Wechselwirkungen. Kein Mensch macht aus Spaß Fehler – also untersuchte er, ob der Mitarbeiter müde war von einer langen Schicht, abgelenkt durch eine andere Aufgabe oder nicht ausreichend geschult. In Workshops wurden Management und Schichtarbeitern anschließend die Ergebnisse präsentiert. Die Beteiligten sollten nun selbst über die Konsequenzen nachdenken. Wenn heute Störfälle in den Kernkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel untersucht werden, benutzen Experten ganz selbstverständlich psychologische Analyseverfahren, die Bernhard Wilpert entwickelt hat. Bis zu seinem Tod arbeitete er in der Reaktorsicherheitskommission.

Dabei machte er sich nichts aus akademischen Eitelkeiten. Als Professor seinen Namen an erster Stelle im Autorenverzeichnis zu lesen, interessierte ihn nicht. Da war er anders als die meisten Kollegen.

Er ist acht Jahre alt, als er mit seiner Mutter aus Breslau fliehen muss, durch ein zerstörtes Land. Es begegnen ihnen ausgemergelte Gestalten in Gefangenenkleidung, befreite KZ-Häftlinge. Bilder, die ihn sein Leben lang begleiten. Wegen der verlorenen Heimat kann er keine Bitterkeit empfinden. Er studiert in Tübingen und bekommt ein Stipendium, um ein Jahr lang in den USA zu studieren. 1957 ist der Trip nach Oregon etwas Besonderes. Seine erste große Auslandsreise beeindruckt ihn. Auf dem Rückweg nimmt er in Chicago an einer Summer School teil. Eine junge Frau mit tiefschwarzen Haaren fällt ihm auf. Fünf Jahre später heiratet er Czarina, eine mexikanischstämmige Amerikanerin. Sie begleitet ihn nach Berlin.

Mit Kollegen baut er den Deutschen Entwicklungsdienst auf. Das Ziel: eine Entwicklungshilfe, die nicht bevormundet. Wie können Menschen lernen, selbst Verantwortung zu übernehmen? Die Frage treibt ihn um, auch als er Ende der sechziger Jahre an das Wissenschaftszentrum Berlin wechselt. In der Wissenschaft, meint er, kann er mehr erreichen. In den folgenden Jahren forscht er vor allem zur Mitbestimmung von Arbeitern und Angestellten in Unternehmen. Er untersucht, wie Demokratie im Kleinen funktionieren kann.

Auch nach seiner Emeritierung 2003 ist er jede Woche mehrmals im Büro, leitet weiter Forschungsprojekte zu Sicherheitsfragen. Er weiß, dass er schwer krank ist. Leukämie. Die Zeit, die ihm bleibt, betrachtet er als Geschenk. Noch im Krankenhaus bespricht er mit seinem Assistenten den Antrag für ein neues Projekt. Jan Pfaff

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