Berlin : Bersarin wird Ehrenbürger, Hindenburg soll es bleiben

Senat beschließt erneute Ehrung des sowjetischen Stadtkommandanten, will aber Liste der Geehrten möglichst unverändert lassen

Brigitte Grunert

Generaloberst Bersarin rauf auf Wunsch der PDS, Generalfeldmarschall Hindenburg auf Wunsch der Grünen runter – Berlin streitet um die Ehrenbürgerliste. Im Fall Bersarin hat der rot-rote Senat am Dienstag der PDS den Gefallen getan. Der erste Stadtkommandant von Berlin nach dem Krieg wird wieder mit der Ehrenbürgerwürde ausgestattet. Im Fall des letzten Reichspräsidenten Paul von Hindenburg hat der Senat nicht entschieden; er will abwarten, was das Parlament beschließt. Der Kulturausschuss befasst sich demnächst zum zweiten Mal mit dem Mann, der Hitler zum Reichskanzler ernannte. Doch der Senat hat keine Neigung, Hindenburg zu streichen. Sonst nähme die Bereinigung der Ehrenbürgerliste nach moralischen Gesichtspunkten kein Ende.

Bleiben wir zunächst bei Nikolai Erastowitsch Bersarin. Der sowjetische General war 55 Tage seit seiner Ernennung am 24. April 1945 der einzige Stadtkommandant. Als er am 16. Juni 1945 tödlich mit seinem Motorrad verunglückte, waren die Amerikaner, Briten und Franzosen noch gar nicht in Berlin; sie kamen erst seit Anfang Juli. 30 Jahre nach seinem Tod wurde ihm vom Ost-Berliner Magistrat die Ehrenbürgerwürde verliehen. Der Gesamtberliner Senat von CDU und SPD hat ihn 1992 wie andere Ost-Berliner Ehrenbürger gestrichen. Seither ruhten die PDS und Ost-Berliner Abgeordnete anderer Parteien nicht, diesen Beschluss des Diepgen-Senats rückgängig zu machen. Die Willensbekundung hat das Parlament sogar noch zu Zeiten der großen Koalition mit den Stimmen von SPD, Grünen und PDS beschlossen. Das war – gegen die CDU – eines der ersten Signale für das Bröckeln der großen Koalition.

Klaus Wowereit wollte jetzt das Thema vom Tisch haben. „In Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste um Berlin“ wird Bersarin in die Liste aufgenommen, wie es in dem Senatsbeschluss vom Dienstag heißt. Es würde auch „dem Charakter der Ehrenbürgerliste als personifiziertes Zeugnis der Geschichte nicht gerecht werden“, ihn auszuschließen.

Welche Verdienste hat Bersarin? Der Senat sagt, er habe rasch das zivile und kulturelle Leben der Stadt organisiert, für die Zulassung der politischen Parteien, die Einsetzung eines Magistrats und der Bezirksämter gesorgt und die Verwaltung in Gang gesetzt. Angeführt wird seit Jahren auch, dass er dem Religionsunterricht das Wort redete und Plünderungen und Vergewaltigungen unter Strafe gestellt hat. War Bersarin ein Held? Er war ein General Stalins, und niemand behauptet, dass er sich mit seiner Menschenfreundlichkeit Stalinschen Befehlen widersetzt hat.

Gegen den Senatsbeschluss machte die CDU sofort Front. Dass Bersarin seine humanitäre Pflicht getan habe, sei kein Grund zur Ehrung, erklärte Fraktionsgeschäftsführer Frank Henkel: „Die SPD macht sich zum Steigbügelhalter der PDS.“ Die willkürlich neue Bewertung von Persönlichkeiten nach aktuellen machtpolitischen Konstellationen schade dem Ansehen Berlins.

Wowereit will es mit dem Federstrich der Aufnahme in die Ehrenbürgerliste bewenden lassen. Die PDS bohrt wegen einer Ehrung. Im vergangenen Jahr hatte sie sogar einen Festakt zum Tag der Kapitulation am 8. Mai 1945 im Auge. Davon ist nicht mehr die Rede, sondern von einer historischen Rückschau durch Vorträge und eine Podiumsdiskussion. Parlamentspräsident Walter Momper soll das organisieren und auch die Bersarin-Ausstellung vom Karlshorster Museum ins Abgeordnetenhaus holen.

Die Ehrenbürger-Würde wird vom Senat im Benehmen mit dem Abgeordnetenhaus verliehen. Das gilt auch für die Streichung. Doch inzwischen gibt das Parlament nicht mehr diskret zu verstehen, ob es etwas oder nichts dagegen hat, sondern diskutiert mächtig mit. Posthum war die Ehrung im Westen unüblich, im Osten nicht, wie die Beispiele Heinrich Zille und Bersarin zeigen. Die erste posthume Ehrung sprach der rot-rote Senat letztes Jahr für Marlene Dietrich aus. Bis heute kommt niemand auf die Idee, den legendären Ernst Reuter, der als Vorkämpfer der Freiheit verehrt wird, posthum zu ehren.

Gestrichen wurden im Westen überhaupt nur die Nazigrößen Hitler, Goebbels, Göring und Frick sowie Wilhelm Pieck, alle unmittelbar nach der Spaltung der Stadtverwaltung Ende 1948. Jetzt kommen die Grünen mit Paul von Hindenburg. Argumentationshilfe lieferte ihnen der Historiker Heinrich August Winkler, der vor dem Kulturausschuss an Hindenburgs Versagen erinnerte. Der greise Reichspräsident hat nach langem Zögern Hitler zum Reichskanzler ernannt. Zerstörern der Demokratie gebühre kein ehrendes Gedenken, so Winkler. Aber wenn man die Liste nach moralischen Maßstäben durchforsten wollte, hätte man viel zu tun. Selbst Paul Lincke käme schlecht weg. Der Schöpfer der Berliner Luft, Luft, Luft ließ sich von den Nazis zum Ehrenbürger machen.

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