Berlin : Bertram Pachaly: Müsli und Aktien für alle

Holger Stark

Um halb eins wird das Mittagessen geliefert. Mehrere badewannengroße Boxen, gefüllt mit frischem Fisch, grünen Bohnen, Nudeln und Gulasch. Zwei Dutzend junge Männer und Frauen zwischen 20 und 35 sitzen im Großraumbüro an einem provisorischen Kantinentisch. "Caterer haben die unangenehme Eigenschaft, mit der Dauer immer schlechter zu werden", sagt Bertram Pachaly, nachdem er einen Blick auf das Menü geworfen hat. "Das Schöne ist, dass man sie von einem Tag auf den anderen wechseln kann."

Wie eigentlich alles in der New Economy. Caterer, Mitarbeiter, Aktienkurse - nichts ändert sich so schnell und ist so flexibel, wie die Dinge in der Internetbranche. Bertram Pachaly baut gerade mit einem Geschäftspartner und 35 Angestellten das Berliner Büro der internationalen Internet-Agentur Icon Medialab auf. Noch sitzen sie in einem ausgebauten Backstein-Fabrikgelände in Friedrichshain. Demnächst ziehen sie nach Mitte. Der Friedrichshainer Altbau wurde zu klein. Im vergangenen Jahr wuchs das operative Geschäft der Firma weltweit um 350 Prozent. Bis Ende 2001 will die Berliner Dependance ihr Personal versechsfachen.

Auf einer von Pachaly betreuten Internet-Seite ist ein Werbespruch dokumentiert: "Wenn Du denkst, Du hast alles unter Kontrolle, bist Du nicht schnell genug." Pachaly sagt: "Das könnte auch unser Motto sein. Alles geht wahnsinnig schnell." Oder, wie es ein New Yorker Kollege beschreibt: "Bei uns ist es wie bei Red Adair - wir können ein Team von Experten zusammenstellen, ohne dafür auch nur einen Moment Zeit gehabt zu haben." Bei Icon werden Mittzwanziger mit drei Jahren Berufserfahrung "Senior" gerufen. Pachaly ist gerade 32 geworden. Er trägt das Hemd konservativ gebügelt, eine unauffällige Brille und einen windschnittig gefönten Scheitel. Bertram Pachaly hat acht Jahre Berufserfahrung. Businessmäßig gesehen könnte er hier Großvater sein.

Das Schmieröl des Internet

Für junge, hochmotivierte Mitarbeiter der Multimediabranche muss es einen Mehrwert jenseits von Gehalt und 50-Stunden-Woche geben. Für die Angestellten sind Nudeln und Fisch deshalb umsonst. In der Ecke des Großraumbüros steht ein Trinkwasser-Spender "Aqua sin gas", Müsli und Obst gibt es immer und für alle. Für Internet-Firmen ist das mittlerweile Standard. "Es ist schwerer, gutes Personal zu bekommen als gute Aufträge", sagt Pachaly.

Firmen wie Icon oder der Konkurrent Pixelpark sind das Schmieröl, das die Maschine Internet am Laufen hält, und Berlin gilt für solche Firmen als attraktivster Standort in Deutschland. Sie beraten die jungen Start-Up-Unternehmen, die viel von Computern und wenig von Businessplänen verstehen und bringen Unternehmen ins Netz, die zwar wissen, wie man Autos oder Medikamente herstellt, mit dem Internet aber überfordert waren.

Wie Siemens Medical beispielsweise, einBereich des Siemens-Konzerns, der in 160 Ländern aktiv ist und jährlich Milliarden umsetzt. Icon Medialab soll digitale Beine machen. "Wir werden das e-Business völlig neu aufsetzen, die Website redesignen und einen einheitlichen Internet-Auftritt launchen", doziert Pachaly, der der Chef-Manager für das Großprojekt ist und dafür deutschlandweit 70 Leute koordiniert. Selbst Giganten wie Siemens, die jahrzehntelang so beweglich wie ein Großtanker waren, strukturieren sich seit einiger Zeit um. Firmen wie Icon Medialab tut das gut. "Die Großen packen alle ihre Geldschatullen aus", sagt Pachaly und lächelt. Das heißt Geld und Arbeit. Viel Geld und viel Arbeit.

Bertram Pachaly ist das gewohnt. 80 bis 90 Stunden verbringt er pro Woche in der Firma. Rund 200 000 Flugmeilen hat er in den vergangenen zwölf Monaten zurückgelegt. Das geht seit Jahren so. Seit er 1993, mit 25, bei Andersen Consulting als Wirtschaftsberater anfing.

Polyglotte Träume

High potentials nennt man Leute wie ihn. Jene Nachwuchs-Manager, die mit Mitte 20 einen Lebenslauf präsentieren, als seien sie seit 15 Jahren im Geschäft. Karrieristen, denen es egal ist, ob sie auf Englisch, Deutsch oder Französisch konferieren, und die sogar mehrsprachlich träumen. Für die high potentials gelten herkömmliche Kategorien von Lohn und Brot nicht. Das Internet ist vor allem ein Karriere-Sprungbrett, das sie schneller höher katapultiert. Firmen wie SAP, Pixelpark, McKinsey, Siemens oder eben Icon Medialab reißen sich um Leute wie Pachaly. Zwei bis drei Mal im Monat rufen ihn Headhunter von Personalagenturen an. Die Frage ist nicht, ob man einen Job bekommt, sondern wo er ist. In London, Waldorf, Berlin oder München. Und wie viele Aktienoptionen der Vertrag enthält.

Der gebürtige Tempelhofer Pachaly hatte schon mit Computern gearbeitet, als andere noch Pacman auf dem Atari spielten. Damals waren die Rechner noch groß wie Reisekoffer und hatten leuchtend grüne Monitore. Nach dem Mauerfall zog der Jung-Manager nach München, studierte Physik und schloss mit einer Diplomarbeit über Halbleiter ab. Jene Techniksparte, die damals noch etwas für Verrückte, Forscher und Freaks war und mit der Firmen wie Intel, Samsung oder Infineon heute Milliarden verdienen. Pachaly war bestens gerüstet für den großen Boom.

Als Andersen-Berater betreute er die Einführung von computergestützter Produktion bei einem Pharmariesen in New York. In Europa, Amerika und Japan organisierte er eine globale Datenbank für Arzneimittelsicherheit, die weltweites Arbeiten rund um die Uhr ermöglichte. Und in den neuen Bundesländern leitete er eine Arbeitsgruppe, die aus drei ostdeutschen Energieversorgern einen neuen Konzern schuf. Das hat 100 Milionen Mark pro Jahr eingespart. "Das Hauptproblem im Management von Veränderungen ist nicht, die richtigen Systeme hinzustellen", sagt der Jungmanager, "sondern die Leute dazu zu bringen sie richtig zu benutzen. Wir müssen den menschlichen Faktor verbessern."

Der menschliche Faktor. So sind sie, die Jungs der New Economy. Manchmal wirken die Sprüche, als stammten sie aus der Rhetorik-Abteilung von Dussmann. "Ich glaube wirklich an den globalen Anspruch und den Mehrwert des Angebotes, das wir unserem Kunden bieten", hat einer der Icon-Leute aus Kopenhagen in einer Hauspostille geschrieben. Bertram Pachaly kann auch so klingen - aber er kann noch mehr.

Nach ein paar Jahren bei Andersen zog der aufstrebende Businessanalyst nach Paris. Weiterbildung an der Business School Insead, eine Art europäisches Harvard. In der Schule haben sie die jungen Leute auch Ethik gelehrt. "Ist es ehtisch, zu bestechen?" lautete eine Frage. Das konnte, natürlich, so grob und global nicht beantwortete werden, erinnert sich Pachaly. In manchen Ländern ist es ethisch, mit Geld zu bestechen - aber, um Gottes Willen, niemals mit Sex. In anderen Ländern ist es genau umgekehrt. Schließlich, sagt Pachaly, sei er zu diesem Schluss gekommen: "Es gibt keinen Widerspruch zwischen ethischem und wirtschaftlichem Handeln. Du darfst den Einzelnen nicht in seinem gesellschaftlichem Empfinden stören, sonst macht er keine Geschäfte mehr mit dir."

Kurssturz um 80 Prozent

Manchmal ist das Geschäft so schnelllebig, dass der Berliner Chef von Icon nicht mal über die eigene Firma auf dem Laufenden ist. In seinem Berliner Büro erzählt Pachaly noch davon, dass Icon Medialab profitabel arbeitet. Fünf Tage später meldet die Unternehmensführung in Stockholm, dass das Unternehmen den diesjährigen Verlust gerade verachtfacht hat: auf 495 Millionen schwedische Kronen. Bänker mögen Verluste in schwierigen Börsenzeiten gar nicht. An zwei Tagen hintereinander fiel der Aktienkurs daraufhin um rund 20 Prozent, kurz darauf noch einmal um 80 Prozent.

Leute wie Bertram Pachaly kostet das viel Geld. Schließlich verdient er - wie fast alle Spitzenkräfte in den jungen Unternehmen des digitalen Zeitalters - einen Teil des Gehalts als feste Summe, einen zweiten Teil als umsatz- und gewinnabhängige Überweisung und einen dritten Teil als Aktienoptionen. Die Wertpapiere sind, je nach Börsenstand, mal so viel wert wie Gold, mal aber auch so wenig wie Klopapier. Im Moment tendiert der Icon-Wert eher in Richtung Klopapier.

Bertram Pachaly hat noch viel vor und das möglichst schnell. Zu Icon Medialab wechselte er, weil es ihm bei Andersen zu langsam ging. Wenn er über die Zukunft spricht, sagt er Sätze wie diesen: "Ich möchte gerne noch etwas mehr operationale Erfahrung sammeln und große Mengen an Business koordinieren."

Vorerst sind die Probleme trivialerer Art. Die Freundin ist Wirtschaftsprüferin und die beiden konkurrieren darum, wer seltener zu Hause ist. Beide kommen spät und gehen früh und zwischendrin gucken sie die Börsenkurse auf n-tv. "Gesund kann das nicht sein", sagt Pachaly. "Aber man gewöhnt sich an alles." In Fontainebleau auf der Business School hat Bertam Pachaly in einem Hausboot auf der Seine gewohnt. "Das war das einzige Jahr, in dem ich nicht jeden Tag um die Welt geflogen bin", sagt er. "Diese Ruhe war richtig schön." Einfach mal Ruhe. Was für ein Traum.

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