Berufliche Bildung in Berlin : Das 11. Pflichtschuljahr ist nicht vom Tisch

Bildungssenatorin Sandra Scheeres will den Berufsschulen mehr Gewicht geben. Heute werden die Leitlinien verkündet - und schon gibt es Kritik.

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In Bautzen und Leipzig können Schülerinnen und Schüler seit 2013 zum Beispiel das Abitur und gleichzeitig eine Ausbildung zum Industriemechaniker machen. Foto: ddp
350 Ausbildungsberufe gibt es aktuell - nicht alle sind noch zeitgemäß, mahnt die Vereinigung der BerufsschulleiterFoto: ddp

Bildungs- und Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD) demonstriert Entschlossenheit. Nachdem sie gerade erst am Wochenende ihre Agenda für die Familienpolitik verkündet hatte, sind jetzt die Berufsschulen dran: Nach Informationen des Tagesspiegels wird Bildungs-Staatssekretär Mark Rackles (SPD) an diesem Dienstag im Rahmen einer Tagung Scheeres' Fahrplan für die Berufliche Bildung erläutern.

Drei Botschaften sollen im Zentrum der Veranstaltung im Landesinstitut für Schule und Medien (Lisum) stehen, kündigte Scheeres' Sprecherin Beate Stoffers auf Nachfrage an. Dazu gehört, dass die Berufliche Bildung auch rein organisatorisch sichtbarer und besser vertreten sein soll: Sie wird nicht mehr nur durch ein Referat repräsentiert, sondern durch eine große Abteilung mit "voraussichtlich" drei Referaten. Denkbar ist, dass sich diese Referate um die Jugendberufsagentur, um Grundsatzangelegenheiten und Schulaufsicht kümmern.

Im Koalitionsvertrag steht dazu nichts

Eine weitere Botschaft von Scheeres lautet: "Für mich ist das elfte Pflichtschuljahr noch nicht vom Tisch". Diese Feststellung ist umso überraschender, als sie nicht in der Koalitionsvereinbarung steht.

Das Vorhaben ist nicht unumstritten: Vor einigen Jahren war das zusätzliche Pflichtschuljahr abgeschafft worden, weil es zu wenige Effekte angesichts der hohen Kosten gab. Dennoch tauchte es 2016 als Option abermals auf. Im neuen Anlauf will man daher Änderungen am ursprünglichen Modell vornehmen. Welche, ist noch nicht bekannt.

Und schließlich will Scheeres die Befürchtung von Berufsschulleitern zerstreuen, dass Schulkapazitäten abgebaut werden, ohne dass parallel neue Plätze in der dualen Ausbildung entstehen. Das Maß aller Dinge soll das Ziel sein, dass alle Jugendliche ein Angebot bekommen und gar nicht erst in die Lage kommen, nach der Schule direkt auf die Hartz-IV-Schiene zu geraten.

"Nicht mehr am Tropf einer anderen Abteilung hängen"

Dieses Ziel begrüßt auch der Vorsitzende der Vereinigung Berufliche Bildung in Berlin (BBB), Ronald Rahmig: Jede Reform der Beruflichen Bildung müsse sich daran messen lassen, ob sie den Schülern diene: "Junge Menschen müssen sich entfalten können", betont Rahmig, der das Oberstufenzentrum (OSZ) für KFZ-Technik in Charlottenburg leitet. Er hält es auch für richtig, dass die Berufsschulen durch eine eigene Abteilung hervorgehoben werden, "um nicht mehr am Tropf einer anderen Abteilung zu hängen". Allerdings gibt er zu bedenken, dass es nicht mit einer rein organisatorischen Änderung getan sei. Er fordert jetzt vor allem, dass nur noch für zukunftsträchtige Berufe ausgebildet wird, auch wenn Ausbildungsbetriebe unter Umständen aktuell noch etwas Anderes brauchten.

Die Gefahr: Immer neuer Aktenumlauf

Mit deutlichen Vorbehalten reagierte Montag Rahmigs Vorgänger Pit Rulff auf die Ankündigungen der Bildungsverwaltung. "Nun soll es also eine Abteilung berufsbildende Schulen richten, was vorher Referate  nicht hinbekommen haben: die Stärkung der beruflichen Schulen und die Weiterentwicklung der Oberstufenzentren zu eigenverantwortlichen Kompetenzzentren gemäß Berliner Schulgesetz", kommentierte Rulff die Pläne in Richtung neuer Behördenstruktur.  Er erinnerte daran, dass es unter Scheeres Vorgänger Jürgen Zöllner (SPD) auch schon einmal "eine solche Abteilung gab". Sie sei aber "bald wieder eingestampft" worden. Rulff sieht die Gefahr, "dass die Verwaltung sich wieder über einen langen Zeitraum mit sich selbst und ihrem Personalkarussel beschäftigt". Eine weitere Gefahr bestehe darin, dass "hinter jedem neuen Schreibtisch der dort aufgestellt wird, eine neue Mitarbeiterin weiteren Aktenumlauf produziert und sich das Gegenteil von Verantwortungsabgabe an die Schulen entwickelt", befürchtet Rulff, der auf der Seite der Grünen an der jüngsten Berliner Koalitionsvereinbarung mitgearbeitet hatte.

Über eine Reform der beruflichen Bildung wird seit Jahren erfolglos diskutiert. Zwischenzeitlich war ein Landesinstitut nach Hamburger Vorbild angedacht. Von dort kam auch ein hoher Verwaltungsbeamter, um Berlin zu beraten. Unter seiner Leitung war bereits ein Arbeitspapier verabschiedet worden, das jetzt Grundlage für die diversen Reformschritte sein dürfte.

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