Berlin : Besenrein

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VON TAG ZU TAG

Andreas Conrad über

die Grenzen der Reinlichkeit

Paris sei eine recht kotige Stadt, befand der Held in Grimmelshausens „Abenteuerlichem Simplicissimus“. Zum Glück hat er nicht Berlins Straßen kommentiert, schon zu Barockzeiten ein Terrain von fragwürdigem Reinheitsgrad, woran sich nur graduell etwas geändert hat. Der Besitzer eines Friseurladens in einer bekannten, nicht eben reinlichen Berliner Straße hatte also wohl getan, als er dort unlängst zu Handfeger und Kehrblech griff. Wo auch immer er das ihn störende Papiertaschentuch aufgeklaubt hatte, direkt vor dem Schaufenster oder aus einem der dekorativ postierten Pflanzkübel – er entsorgte es wieder auf dem Trottoir, immerhin in einigen Metern Entfernung. Seinem Reinlichkeitsbedürfnis war offenbar Genüge getan.

Freilich nicht dem der älteren Dame, die soeben die Szene passierte und den zerknüllten Papierfetzen, voll stillem Protest, in Richtung Friseurladen zurückkickte. Na, da war sie an den Richtigen geraten, fing der Meister der Schere doch nun an zu zetern über die Leute, die ihm unerhörterweise die Ladenfront zumüllten und überhaupt. Der Wind dachte sich sein Teil und pustete den Fetzen gelassen vor sich her.

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