Berlin : Besetzer der Stasizentrale kämpfen um ihr Erbe

Vor zwölf Jahren gründeten DDR-Oppositionelle in Erich Mielkes Amtssitz ein Museum. Jetzt will die Bundesregierung dort eine Nationale Gedenkstätte einrichten

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Von Amory Burchard

Aufgebrachte DDR-Bürger stürmen am 15. Januar 1990 die Zentrale der Staatssicherheit in Lichtenberg. Sie wollen die Vernichtung von Akten stoppen. Viele Unterlagen verschwinden trotzdem, aber es gelingt auch, bereits zerrissenes Material zu retten. Zwölf Jahre später kämpfen die Besetzer von einst erbittert um dieses Erbe. Diesmal ist der Gegner die Bundesregierung. Sie will am ehemaligen Amtssitz des Ministers für Staatssicherheit eine Nationale Gedenkstätte unter der Federführung der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen gründen. Die bereits bestehende Forschungs- und Dokumentationsstätte, die DDR-Oppositionelle aufbauten, gilt Gutachtern als unzulänglich.

Die Vereine und Initiativen der Erstürmer von einst sitzen noch heute in der Normannenstraße, darunter die Antistalinistische Aktion (Astak), das Bürgerkomitee „15. Januar“ und der Bund Stalinistisch Verfolgter. Hausherr ist die Oberfinanzdirektion Berlin, aber Sachwalter der im Original erhaltenen Suite des Stasi-Ministers Erich Mielke ist die Astak. Der Verein übernahm im Oktober 1990 die Trägerschaft der Forschungs- und Gedenkstätte Normannenstraße, deren Einrichtung der Runde Tisch bereits am 22. Januar 1990 beschloss. Jetzt soll den Gründern die Konzeption aus der Hand genommen werden. „Astak raus, Birthler rein“, fasst Jörg Drieselmann, Astak-Geschäftsführer in der Normannenstraße, das Gutachten einer vom Kulturstaatsminister einberufenen Kommission zusammen. In der Kommission saßen unter anderen Gabriele Camphausen, die ehemalige Leiterin der Gedenkstätten Hohenschönhausen und Topographie des Terrors, und Martin Gutzeit, der Berliner Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen.

Der Astak wird in dem 55 Seiten langen Gutachten die Qualifikation abgesprochen, eine Nationale Gedenkstätte aufzubauen. „Die Arbeitsvoraussetzungen der Astak“, heißt es, reichten „für eine dauerhafte Ausstellungsarbeit im Haus weder institutionell noch finanziell aus.“ Tatsächlich verfügt die Astak nach Drieselmanns Aussage derzeit über einen Jahresetat von nur rund 370 000 Euro. Finanziert wird die Arbeit mit Projektmitteln der Stiftung für die Aufarbeitung der SED-Diktatur und des Landesbeauftragten. Zwanzig Prozent des Haushalts werden durch eigene Einnahmen gedeckt, sagt der Geschäftsführer. Die Zahl von jährlich bis zu 1500 Besuchern spreche für die „sehr gute politische Bildungsarbeit“ durch die Referenten. Drieselmann wurde als politischer DDR-Häftling 1976 freigekauft und arbeitete in West-Berlin in der Erwachsenenbildung.

Die Dauer-Ausstellung zu Verfolgung und Widerstand in Ostdeutschland in der zweiten Etage ist eine Tafel-Ausstellung mit Fotos, Dokumenten und erklärenden Texten. Die Neugier auf authentische Gegenstände aus dem Überwachungsapparat wird nur mit wenigen, teilweise recht vollgestellten Vitrinen befriedigt. Für Installationen sei kein Geld da, gibt Drieselmann zu. Das Konzept einer überarbeiteten und stark erweiterten Dauerausstellung wurde 2000 für einen Lotto-Antrag erstellt. Den lehnte die Stiftung aber ab.

Das personelle Potenzial, die Gedenkstätte neu zu gestalten, traut sich die Astak zu. Im Vorstand sitzen unter anderen der Historiker Uwe Hillmer, im SED-Forschungsverbund der Freien Universität für Geschichtsdidaktik zuständig, der Gründer der DDR-Grünen Carlo Jordan, der am 15. Januar dabei war, und der ehemalige West-Berliner Polizeidirektor Manfred Kittlaus. Neunzig Prozent dessen, was die Kommission für die Normannenstraße vorschlage, so Drieselmann, habe die Astak schon realisiert. Der Rest sei eine Frage des Geldes.

Auch da gehen die Vorstellung weit auseinander. Die Kommission befand die Stasi- Zentrale für stark sanierungsbedürftig und veranschlagt „einen zweistelligen Millionenbetrag“. Unsinn, sagt Drieselmann. Das Haus sei in einem guten Zustand. Für eine Sanierung der Haustechnik reichten drei bis vier Millionen Euro. Es bestehe die Gefahr, dass Haus 1 durch den Bund „totsaniert“ werde.

Die Kommission will dem Verein nicht länger freie Hand geben. Die Leitung der Gedenkstätte durch die Astak sei schon 1990 „als Übergangslösung bis zur Errichtung einer staatlichen Dokumentation im Haus 1 gedacht“ gewesen, heißt es im Gutachten. „Die authentischen Zeugnisse des MfS sind gleichsam als nationales Monument zu sehen, das nicht in die Verfügungsgewalt privater Vereine oder Initiativen gehört, sondern öffentlich-rechtlich zu verantworten ist.“

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