Berlin : Besser lernen in Dahlem

Umstrittener Vorschlag: Migrantenkinder in den Bezirken einschulen, in denen es wenig Ausländer gibt

Susanne Vieth-Entus

Migranten sind die Verlierer im deutschen Bildungswesen – das hat gerade erst wieder die jüngste Pisa-Studie ans Licht gebracht. Zwei Fakten belegen auch für Berlin das ganze Desaster: Die Kinder von Einwanderern verlassen die Schule dreimal so häufig ohne Abschluss wie deutschsprachige Kinder, und ihre Abiturientenquote ist dreimal kleiner.

Das Problem ist so immens, dass nur eine Vielzahl von Förder- und Ausgleichsmaßnahmen helfen kann. Jetzt gibt es einen neuen Vorschlag: Demnach soll es Migrantenkindern erleichtert werden, an Schulen mit geringer Ausländerquote unterzukommen, damit sie von ihrem deutschsprachigen Umfeld profitieren.

Gemacht wurde dieser Vorschlag von Erhard Laube, dem Vorsitzenden der Schulleitervereinigung der Bildungsgewerkschaft GEW. Als Rektor der Schöneberger Spreewald-Grundschule hat Laube die Erfahrung gemacht, dass Kinder schneller Deutsch lernen, wenn in ihrer Klasse genügend viele deutschsprachige Kinder sind. Ausgehend von dieser Erfahrung hat er Verständnis dafür, dass Einwandererfamilien versuchen, ihre Kinder an Schulen mit geringerem Ausländeranteil unterzubringen. Dies aber scheitert, so Laube, häufig daran, dass diese Schulen sie nicht aufnehmen.

Bisher haben die Eltern dagegen keine Handhabe: Laut Schulgesetz müssen Grundschulen nur die Kinder aufnehmen, die in ihrem Einzugsgebiet gemeldet sind. Die übrigen Kapazitäten können sie überwiegend nach eigenem Gutdünken vergeben. Dies will Laube ändern. Er fordert eine Ausländerquote: Demnach müssen Grundschulen Migrantenkinder unabhängig von deren Wohnort aufnehmen, solange sie nicht mindestens 20 oder 30 Prozent Ausländer oder nichtdeutschsprachige Kinder haben.

Die ehemalige Ausländerbeauftragte von Berlin, Barbara John, die sich seit Jahrzehnten um die Sprachförderung bemüht, appelliert an die überwiegend von deutschen Kindern besuchten Schulen, freiwillig mehr Migrantenkinder aufzunehmen, damit man ein so starres Instrument wie eine Quote nicht braucht. Und sie plädiert dafür, die Einzugsbereiche der Schulen weiter zu schneiden, damit die Ausländeranteile besser ausgeglichen werden können. Schließlich gebe es keine besseren Deutschlehrer für Kinder als eben – Kinder. Deshalb müsse man jeden Vorschlag unterstützen, der der Isolierung der Kinder entgegenwirke.

Eine Isolierung existiert tatsächlich: Im Innenstadtbereich gibt es schon 29 Grundschulen, die mehr als 80 Prozent Migranten haben. Die 60-Prozent-Marke haben schon 62 Schulen überschritten. Dagegen gibt es aber 200 Grundschulen, die weniger als 20 Prozent Migrantenanteil haben – viele davon befinden sich im ehemaligen Ostteil und in den bürgerlichen West-Bezirken.

Barbara Johns Nachfolger, der Integrationsbeauftragte Günter Piening, hält es dennoch für die „falsche Blickrichtung“, Migrantenfamilien darin zu unterstützen, an Schulen mit wenig Ausländern unterzukommen. Ziel müsse es vielmehr sein, die Innenstadtschulen so attraktiv zu machen, dass niemand auf die Idee kommt, sein Kind Morgen für Morgen nach Köpenick oder Zehlendorf zu bringen. Solche „Leuchtturmschulen“ gebe es ja bereits.

Dieses Ziel hält Laube zwar für löblich, aber an der Realität vorbeigehend: Es gebe zwar die von Piening beschworenen Leuchttürme. Aber es gebe eben auch andere Schulen. Und man könne von den Familien nicht verlangen, dass sie geduldig abwarten, bis „ihre“ Schule soweit ist.

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