Best of 2015 : Der Checkpoint-Jahresrückblick

Den Leuten die Tür eintreten, ehe sie die Augen aufmachen, mit einer morgendlichen Mail über eine Wahnsinns-Stadt: Das will der Checkpoint, unser Berlin-Newsletter. Lesen Sie hier die besten, wichtigsten und komischsten Einträge dieses Jahres!

von
Michael Müller (M, SPD), Regierender Bürgermeister von Berlin, Frank Henkel (l, CDU), Berliner Innensenator, und Mario Czaja (r, CDU), Berliner Gesundheitssenator stecken die Köpfe zusammen. Hier auf einer Pressekonferenz im September.
Michael Müller (M, SPD), Regierender Bürgermeister von Berlin, Frank Henkel (l, CDU), Berliner Innensenator, und Mario Czaja (r,...Foto: picture alliance / dpa

JANUAR

Wer wird Nachfolger von Noch-BER-Chef Hartmut Mehdorn? Es gibt Leute, die behaupten, dass den Job niemand mit Verstand und Fähigkeiten haben will. Doch das ist falsch: Wer jetzt kommt, hat nichts zu verlieren, denn wenn eines klar ist auf der Monsterbaustelle, dann das: Es gibt keine Schuldigen, für nichts, niemand wird zur Verantwortung gezogen, und wer entlassen wurde, bekommt vor Gericht sein Geld ausgezahlt. Desaster-Geschäftsführer Rainer Schwarz, Mehdorn-Vorgänger, ist zum Beispiel noch bis 2016 auf der Gehaltsliste. Und deshalb mangelt es auch nicht an Bewerbern. Zeit, an den ersten Spruch von Mehdorn als BER-Chef vor fast zwei Jahren zu erinnern: "Die Zeit der Fummelei ist vorbei." Wann, hat er nicht gesagt. (Checkpoint vom 12.1.)

UND DANN WAR DA NOCH DAS:

7.1.

4000 Euro musste eine Lehrerin zahlen, weil sie von ihren Schülern (10. Klasse) ein Gemeinschaftsgeschenk im Wert von 198 Euro angenommen hatte – Korruptionsverdacht! Mehr als zehn Euro sind nicht erlaubt, ein Kollege mit Sohn an derselben Schule hatte die Frau angezeigt. Endgültig lächerlich wirkt die Sache, seit jetzt klar ist, was die Schüler ihrer Lehrerin geschenkt haben: „Die Badenden“ von Loriot als Skulptur.

8.1.

Der Angriff auf das Wochenmagazin „Charlie Hebdo“ in Paris und der Mord an 12 Menschen ist ein Angriff auf die Freiheit, auch auf Ihre Freiheit - und auf unsere. Die Berliner Polizei hat Sicherheitsmaßnahmen für die Redaktionen in der Stadt ergriffen, die Verlagsgebäude schotten sich ab, Kollegen bekennen sich dazu, Angst zu haben. Können wir unter diesen Umständen frei arbeiten, können und sollen wir veröffentlichen, worum es geht: die provokanten Titelbilder des Magazins aus Frankreich? Schon die Frage zeigt, wie der Anschlag wirkt, wie er fräst an den Kriterien, die für unsere Berichterstattung doch sonst so selbstverständlich sind, die sich ergeben aus unserem Selbstverständnis und aus der garantierten Pressefreiheit sowie ihren berufsständigen und gesetzlichen Grenzen - und sonst nichts.

"Nicht alles, was im Checkpoint steht, stimmt." Das ließ der Regierende Bürgermeister Michael Müller (Bild) im Februar wissen. Aber mal reinschauen schadet ja nicht...
"Nicht alles, was im Checkpoint steht, stimmt." Das ließ der Regierende Bürgermeister Michael Müller (Bild) im Februar wissen....Foto: picture alliance / dpa

14.1.

Wenn die Hunde dieser Stadt hören, was das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf jetzt beschlossen hat, werden selbst die staatstreuesten Dackel zum Pitbull: komplettes Hundeverbot rund um den Schlachtensee und die Krumme Lanke. Stimungsvoraussage: Da wird demnächst jede Menge Ärger von der Leine gelassen.

23.1.

Neues vom Korruptionsfall Schule - Anruf des Künstlers: Karl-Heinz Richter, der die Figur „Paar in der Wanne“ geschaffen hat, findet „die Situation blöd“ und möchte der bestraften Frau (4000 Euro) eine Ersatzskulptur schenken. Große Geste! Er muss es allerdings heimlich tun, denn auch die Annahme des Ersatzgeschenk wäre, wegen des Bezugs zum Fall, schon wieder Vorteilsnahme, also: verboten. Deshalb: Nichts verraten, das bleibt bitte unter uns!

Encore

Neukölln ist nicht mehr überall: Heinz Buschkowsky, Berlins berühmtester Dorfbürgermeister der Welt, geht wegen „Dienstunfähigkeit“ in den Ruhestand. Mit Gefühl und Härte hat er regiert, Reibung erzeugt, sich sinnvoll Respekt verschafft und sinnlos Ärger eingehandelt. Manche hätten ihn gerne als Wowereits Nachfolger gesehen. Das ist er jetzt, gewissermaßen, ja auch doch noch geworden. (Checkpoint vom 28.1.)

MC (Master of Checkpoint). Seit November 2014 schreibt unser Chefredakteur Lorenz Maroldt seinen täglichen Newsletter - meistens bis spät in die Nacht.
MC (Master of Checkpoint). Seit November 2014 schreibt unser Chefredakteur Lorenz Maroldt seinen täglichen Newsletter - meistens...Foto: Andreas Labes

FEBRUAR

Heute geht es aber richtig, richtig los mit der Olympiakampagne: 3000 Plakate, da sollte auch mal eins zu sehen sein. Nur mit dem Song gibt’s noch Probleme: „Ich bin zwar nicht gerade virtuos, doch du wirst mich nicht mehr los“, singt das sportliche Duo „Kaempferherz“ im Unterstützerlied. Kulturstaatssekretär Tim Renner senkt den Daumen: „Das ist Slow, aber nicht Lympics.“ Stimmt - aber ist für den Senat Dabeisein nicht mehr alles? (Checkpoint vom 2.2.)

APROPOS DABEISEIN:

4.2.

Botschaft einer Gastpredigt in der Neuköllner Al-Nur-Moschee: „Frauen dürfen sich nie dem Sex mit ihrem Mann verweigern.“ Frank Henkel („abstoßend, eine Zumutung“) und der Türkische Bund (Anzeige wegen Volksverhetzung) sind empört. Ein Moschee-Vertreter sagte in der Abendschau: Ein Missverständnis, der Prediger hat „nur Tipps für eine Ehe ohne Probleme“ geben wollen. Aha. Noch was? Ja: „Frauen in Jeans sollen in der Hölle schmoren“, wurde auch gepredigt. Wäre Berlin eine Modestadt, wir würden antworten: Kommt auf die Marke an.

10.2.

Zoo-Chef Andreas Knieriem möchte aus dem Tierpark eine „Erlebniswelt“ machen, die Besucher sollen getarnt in Kabinen ganz nah und unbemerkt an die wilden Tiere kommen - wäre auch eine schöne Idee für die Touristen in Kreuzberg.

12.2.

Heute Abend findet das erste so genannte „Bürgerforum“ unter dem Titel „Senat diskutiert über Olympia“ gleich mal als Farce statt. Die politische Besetzungsliste, Stand heute früh: Sportsenator Henkel – abwesend. Sportstaatssekretär Statzkowski – abwesend. Senatskanzleichef und Bürgerbeteiligungsbeauftragter Björn Böhning – abwesend. Regiermeister Müller – Abgang nach Grußwort. Bürgerteilnahme – nur nach namentlicher Anmeldung. Motto: Nicht dabei sein ist alles.

Erstes Großthema Olympia-Bewerbung. Bei diesem Termin Mitte Januar war Staatssekretär Björn Böhning (SPD) noch optimistisch.
Erstes Großthema Olympia-Bewerbung. Bei diesem Termin Mitte Januar war Staatssekretär Björn Böhning (SPD) noch optimistisch.Foto: picture alliance / dpa

13.2.

Neues vom Korruptionsskandal. Jetzt ist die Skulptur versteigert worden – für ganze 11 Euro, in einem Los mit Modeschmuck und Schreibwaren. Damit liegt sie jetzt im Wert unter der Korruptionsgrenze und wäre doch noch als Geschenk für Lehrer (oder Staatsanwälte) geeignet. Falls auch Sie an günstiger Kriminalware interessiert sind: Die nächste Versteigerung ist am 20. Februar (Amtsgericht Wilsnacker Straße 5, 10 Uhr)

Plus:

Der Chefkolumnist einer Berliner Boulevardzeitung hat gestern mit einem Beitrag über seinen Umgang mit E-Mails einige seiner Leser irritiert. Deshalb zur Sicherheit hier noch einmal der Hinweis: Sie müssen den Checkpoint nicht ausdrucken, um ihn lesen zu können.

24.2.

Der Masern-Tod eines kleinen Jungen hat die Berliner Politik aufgeschreckt: Gesundheitssenator Mario Czaja und die Ärztekammer fordern eine Impfpflicht, Grüne und Linke wollen die Krankheit lieber mit guten Worten stoppen. Tatsache ist: Die Zahl der radikalen Impfgegner ist in Berlin besonders hoch und die Naivität vieler Eltern erschreckend. Masern sind keine harmlose „Kinderkrankheit“, sondern brandgefährlich, das Impfrisiko ist dagegen gering (alles andere sind längst widerlegte Mythen). Die Verweigerung grenzt an Körperverletzung – am eigenen Kind und an ahnungslosen Dritten.

Encore:

Zur Ablenkung vom Jubiläum (heute: 1000 Tage Nichteröffnung) ist beim BER ein neuer Korruptionsfall bekannt geworden: Die Staatsanwaltschaft Neuruppin ermittelt gegen einen früheren Bereichsleiter, der für die Auftragsvergabe zuständig war. Der Vorwurf: Bestechung und Bestechlichkeit. Es geht um ein Schmiergeld von 200.000 Euro und ungeprüfte Zahlungen an ein Unternehmen in Höhe von 65 Millionen Euro. Das macht, in Verzugstage umgerechnet, auch 65 – alles eine Frage der Relation. Viel wichtiger ist, dass es auf der Baustelle vorangeht - in 1001 Nacht soll endlich alles fertig sein. (Checkpoint vom 27.2.)

"Hähä, gewonnen!" "Hähä, ja, eine Blamage im Herbst." Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz mit Berlins Regierendem Michael Müller - noch zu Zeiten des Olympia-Wettkampfs.
"Hähä, gewonnen!" "Hähä, ja, eine Blamage im Herbst." Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz mit Berlins Regierendem Michael...Foto: dpa

MÄRZ

Das war’s mit Olympia, Berlin hat die eigene Bedeutung überschätzt und den Gegner unterschätzt. Aber wenn die Politik der Stadt bereit ist, aus dieser Niederlage zu lernen, ist viel gewonnen – womöglich sogar mehr, als durch den Zuschlag oder gar die Spiele selbst zu gewinnen gewesen wäre. Und auch ein Trost liegt bereit: Berlin ist, unter anderem, daran gescheitert, was die Stadt sonst so faszinierend macht: an seiner Unberechenbarkeit. (Checkpoint vom 17.3.)

WENDEN WIR UNS DER ZUKUNFT ZU:

3.3.

Erst McDonalds, dann Airbnb und jetzt das: Morgen tritt Nena im SO36 auf – zum Preis von sagenhaften 75,50 Euro (heute früh waren sogar noch ein paar Karten da). Damit dürfte Kreuzberg endgültig erledigt sein.

11.3.

Vergangene Wochehatten wir berichtet, dass gegen marode Schulen demonstrierende Schüler dem Baustadtrat Michael Karnetzki einen Klodeckel geschenkt haben (gebraucht, gut erhalten). Checkpoint-Leser Mark Milde findet das komisch: Durfte der das Geschenk überhaupt annehmen (Sie erinnern sich -  die Lehrerin, die Skulptur, die Strafe)? Eine kleine Recherche ergibt: Er durfte. Gebrauchte WC-Sitze gibt’s bei ebay für unter 10 Euro (Höchstgrenze Geschenke). P.S.: Im Angebot sind gerade auch welche mit 10 LED-Leuchten zu 15 Euro VB (lässt sich sicher runterhandeln - und ja, bitte als Geschenk verpacken).

 24.3.

Sie kennen Berlin. Sie lesen folgenden Satz: „Die zuständige Naturschutzbehörde ist zurzeit in der Anhörung zur Sondergenehmigung für die Vergrämung der Zauneidechsen.“ Sie wissen, was das bedeutet: Bald wird Lenins Kopf ausgegraben und kann nach Spandau in die Zitadelle verschleppt werden.

26.3.

Drei Eide würden Politiker aller Parteien schwören, dass Ihnen kaum etwas wichtiger ist, als so genannte „bezahlbare Wohnungen“ in ausreichender Zahl herbeizupolitisieren (siehe auch: „Zitat“). Aber wenn es praktisch wird, haben sie das schnell wieder vergessen. So verkauft der Bund (genauer: CDU und SPD entschieden so im Haushaltsausschuss) das burgartige „Dragoner-Areal“ in Kreuzberg jetzt zum Höchstpreis an einen Investor, der es dann auch zum Höchstpreis vermarkten wird - die interessierten Berliner Wohnungsbaugesellschaften gingen leer aus. Jetzt warten wir auf die nächste wohlfeile Sonntagsrede.

Encore:

Als einziger Journalist hat André Mielke („Berliner Zeitung“) eine himmlische Leistung des Regierenden Bürgermeisters gewürdigt - die erfolgreiche Veranstaltung der Sonnenfinsternis am 20. März: „Mit diskreter, beharrlicher Lobbyarbeit hatten Senat und Wirtschaft das galaktische Event an die Spree geholt“ - und das auch noch pünktlich! Lohn der Arbeit: Der Zuschlag für die Mondfinsternis am 28. September. Schön, dass da wenigstens einer drauf gekommen ist. (Checkpoint vom 23.3.)

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