Bestes Großunternehmen 2013 : Alles auf dem Schirm

Tabellen, Zahlen, Fristen: In der Buchhaltung der Gasag kommt es auf das Kleingedruckte an. Iris Rambold schafft es, den Durchblick zu behalten, obwohl sie seit Jahren langsam ihre Sehkraft verliert.

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"Ich mache so lange weiter, wie ich kann", sagt Iris Rambold. Seit 30 Jahren arbeitet sie schon bei der Gasag. Die Kollegen schätzen ihre fachliche Kompetenz.
"Ich mache so lange weiter, wie ich kann", sagt Iris Rambold. Seit 30 Jahren arbeitet sie schon bei der Gasag. Die Kollegen...Foto: Mike Wolff

Langsam lässt Iris Rambold den grünleuchtenden Mauszeiger über den Bildschirm wandern. Gezielt peilt sie die linke obere Ecke ihres Schreibprogramms an. Speichern, Ablegen. Diese Rechnung ist erledigt. Als nächstes muss eine Mahnung bearbeitet werden. Was Routine für jeden ist, der am Computer arbeitet, ist für Rambold ein Kraftakt. Seit 1984 arbeitet sie bei der Berliner Gaswerke Aktiengesellschaft (Gasag). Ihre Ausbildung hat sie dort gemacht, heute ist sie Buchhalterin. Bei ihr kommt es aufs Kleingedruckte an. Auf Zahlenkolonnen, auf die Feinheiten des Rechnungswesens. Ihre Augen sind ihr Kapital.

Doch genau die machen ihr seid einigen Jahren zu schaffen. Rambold leidet an einem Gendefekt, der ihr langfristig das Augenlicht rauben wird. Während ein Normalsehender seine Umgebung in einem 120 bis 180 Grad Winkel wahrnimmt, sieht sie Buchstaben und Zahlen quasi im Tunnelblick.

Vor rund 16 Jahren haben die Ärzte die ernüchternde Diagnose gestellt. „Mir ist selbst aufgefallen, dass etwas nicht in Ordnung ist“, sagt Rambold. Manchmal verschwimmen die Buchstaben und Zahlen auf ihrem Computerbildschirm. Sie hat Mühe sich zu konzentrieren.

Sylvia Laur kümmert sich um Kollegen mit Handicap

Heute sieht sie auf dem rechten Auge nur noch schwarz-weiß, Farben kann sie nicht mehr wahrnehmen. Als Rambold merkt, dass ihre Sehkraft nicht mehr mitmacht und ihre Arbeit darunter leidet, weiß sie zunächst nicht, an wen sie sich wenden soll. Andere Sehbehinderte in der Firma kennt sie nicht, auch von Hilfsmitteln, die der Arbeitgeber bereitstellen kann, weiß sie nichts. Schließlich trifft sie Sylvia Laur, die Konzern-Schwerbehindertenvertretung in der Gasag-Gruppe.

Laur kümmert sich um die Mitarbeiter, die mit einer Beeinträchtigung ihren Job erledigen müssen. Sehbehinderte sind dabei, Hörgeschädigte aber auch Kollegen, die aufgrund psychischer Erkrankungen auf Hilfen angewiesen sind. Laur ist sozusagen das Bindeglied zwischen den Ämtern, dem Arbeitgeber und dem Mitarbeiter. Sie macht Geld über die Rentenversicherung oder den Integrationsfachdienst locker, damit Hilfsmittel angeschafft werden können.

Der Arbeitgeber hatte nicht immer Verständnis

Und sie hört sich die Nöte der Betroffenen an. 1250 Mitarbeiter sind in Berlin für die Gasag im Einsatz, darunter 86 Schwerbehinderte. Nicht immer stieß Laur für ihr Anliegen auf offene Türen bei ihrem Arbeitgeber. „Für Schwerbehinderte ist es auf dem Arbeitsmarkt nach wie vor schwierig“, sagt sie. „Ihr Potenzial wurde bisher noch nicht erkannt.“ Dabei werden Fachkräfte in vielen Branchen händeringend gesucht. „Warum soll ein Rollstuhlfahrer nicht in einem Büro arbeiten können?“

Eines ihrer wichtigsten Projekte für die Zukunft ist die Ausbildung von Schwerbehinderten bei der Gasag. Dank Barrierefreiheit hätte auch ein Rollstuhlfahrer keine Probleme am Sitz des Unternehmens am Hackeschen Markt zu arbeiten.

Der Cursor der Maus ist rund zehn Mal so groß

Iris Rambold muss auf ihren Job als Buchhalterin nicht verzichten. Mit einer Spezialsoftware kann sie Emails und Formulare vergrößert lesen. Der Cursor der Maus ist rund zehn Mal so groß wie gewohnt und lenkt Rambold so auf die Felder im Schreib- oder Emailprogramm, die sie braucht. Muss sie Papierbelege mit viel Kleingedrucktem lesen, hilft ihr eine Spezialkamera. Das Gerät ist nicht nur Rambolds Lupe, sondern passt auch die Farben an, damit die Buchhalterin Zahlenkolonnen und Buchstaben entziffern kann.

Über ihrem Bürostuhl baumelt ein kreisrunder Geburtstagsgruß. 50 Jahre alt ist sie vor Kurzem geworden. Ein paar bunte Luftballons hängen noch an der Trennwand ihrer Arbeitsecke. Glückwünsche von den Kollegen hat sie daneben gepinnt. Über ihre Krankheit hat Rambold immer ganz offen gesprochen. Auch darüber, dass sie nicht mehr so einsatzfähig ist, wie ihre Kollegen.

Sascha Goretzko, Gruppenleiter der Debitorenbuchhaltung, hat nur Gutes für Rambold übrig. „Fachlich kann sie uns nichts vormachen“, sagt er. Dass manche Aufträge ein bisschen länger dauern, stört ihn nicht. „Wir sprechen ab, was geht und was nicht. Notfalls übernimmt ein Kollege einen Vorgang.“

Wann sie blind wird, das kann keiner sagen

Was im Job geht, vermisst Iris Rambold häufig im Alltag. Eine Sprachansage für den Bus fehlt ihr zum Beispiel. Über Straßenpoller, über die sie regelmäßig stolpert, kann sie sich furchtbar ärgern. „Vieles hat sich in Berlin verbessert, aber bei der Barrierefreiheit muss noch mehr passieren“, sagt sie.

Und sie wünscht sich ein bisschen mehr Rücksicht von den Menschen, die wie sie in der Stadt unterwegs sind, aber keine Behinderung haben. Für Rambolds Krankheit gibt es keine Therapie, kein Medikament, keine Operation. Irgendwann wird sie blind sein. Wann, das kann keiner sagen.

Autofahren kann sie schon längst nicht mehr. Seit zwei Jahren benutzt sie einen Langstock, wenn sie auf die Straße geht. Vor allem wenn es dunkel wird, sieht sie so gut wie nichts mehr. Sie hofft, dass sie mindestens die nächsten fünf Jahre ihren Job noch machen kann. „Soll ich mich in die Ecke setzen und weinen?“, fragt Rambold herausfordernd. „Ich mache weiter, so lange ich kann.“

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