Berlin : Bestsellerautor Brussig und Bundestagspräsident Thierse auf dem Podium

ded

"Ein Schützenfest, bei dem jeder Schuss nach hinten losging" - Thomas Brussig liest über die DDR, im Saal kringeln sich alle. Dieser Humor, den Brussig in seinem Buch "Am kürzeren Ende der Sonnenallee" zur gesamtdeutschen Freude der DDR hinterher geworfen hat, ist so recht im Sinne des Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse. Wenn es nach ihm ginge, müsste man die DDR nicht "moralisch steil" aufarbeiten, sondern "einfach weglachen." Thierse sitzt mit Brussig auf dem Podium, wirkt etwas verweht wie immer und diskutiert über Ostalgie. Dazu sagt er solche Sachen wie "die DDR eignet sich nicht zur Tragik, sie eignet sich zur Absonderung komischer Geschichten." Das schriftstellernde Gegenüber kann sich damit wohl anfreunden. Die DDR - "eine Fundgrube für Geschichten", sprach der Erzähler aus Brussig, "zum Ausschlachten freigegeben", pointierte der Schreiber Brussig, "in Erinnerung verklärt", gab der Mensch zu. "Aber Historiker sollten das nicht lesen", schickte der Vorsichtige noch hinterher. Wie das denn nun sei, will einer aus dem Publikum wissen, ob die Wessis auch Ostalgie empfinden könnten. "Wie - jetzt wollen die Wessis auch noch unsere Ostalgie haben?", fragte Thierse. Brussig konnte dazu nur sagen, dass er nicht unterscheiden könnte, welche Lacher aus dem Osten und welche aus dem Westen kämen. Ergo: Für ihn ist die Einheit geglückt. Wieder Lacher. Humor, ja, endlich, ruft Thierse. Und zwar einer, der seinen Objekten die Würde lässt. Als später eine ewige Schlange sich langsam und kaufend am Büchertisch vorbeiwälzte, gingen die Bücher eher zu Ende als die Schlange. Ganz am Ende hat ausgerechnet ein Ost-Pärchen gestanden, das den anderen den Vortritt ließ. Für sie war es wie immer: lange angestanden und trotzdem nichts gekriegt. Die beiden beschlossen, es mit Humor zu nehmen.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar