Berlin : Besuch aus der Wildnis

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Plötzlich war sie da. Bis vor einigen Tagen gab es hier nur ein paar Sandhaufen, etwas Müll und ein paar Bauzäune. Ansonsten war der Leipziger Platz zwischen Sony-Center, Bundesrat und „Tresor“ kaum mehr als eine gesichtslose Brache, öde und leer. Seit einer Woche ist das ein wenig anders. Inmitten des Niemandslandes steht jetzt eine kleine, schlichte Einsiedlerhütte aus Kiefernholz und handgeschnittenen Lärchenschindeln. Im Schatten der modernen Bürohochhäuser von Sony und Daimler wirkt sie wie ein Relikt aus einer fremden Welt. Auf geheimnisvolle Weise scheint das Blockhaus aus den unendlichen Weiten nordamerikanischer Wälder direkt ins Zentrum der deutschen Hauptstadt gelangt zu sein. Ein Schild an der Leipziger Straße verrät, was es mit der Hütte auf sich hat. „Walden“ steht darauf. Das ist der eines Waldsees in Massachusetts und zugleich der Titel eines philosophischen Buches, das vor allem in Nordamerika bis heute Kultcharakter hat. 1845 zog der amerikanische Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau in den Wald, zimmerte sich eine schlichte Hütte, verbrachte dort zwei Jahre und hielt seine Erfahrungen in besagtem Buch fest. Thoreaus Ziel: „Dem eigentlichen, wirklichen Leben näherzutreten.“ Die Hütte, die jetzt auf dem Leipziger Platz steht, ist eine originalgetreue Kopie von Thoreaus Behausung. Sie stammt vom Berliner Bildhauer Tobias Hauser. Der 43-Jährige hat sie vergangene Woche hier aufgebaut, Anlass ist der Architektur-Weltkongress in der kommenden Woche. „Ich will ein Innehalten erzeugen“, sagt Hauser. Die simple Blockhütte soll einen Kontrast zu den Himmel stürmenden Neubauten vom Potsdamer Platz darstellen, zum Nachdenken anregen „wie eine Kapelle am Wegesrand“. Zu betreten ist die Hütte zwar nicht, aber zumindest wird an den Wochenenden der Zaun ums Gelände geöffnet. So kann man das Haus umrunden, sich an den einsamen Waldsee träumen oder die Aussicht genießen.lvt

„Walden“, Leipziger Platz gegenüber dem Bundesrat, bis 15. September, zugänglich sonnabends und sonntags 16 bis 20 Uhr in Anwesenheit des Künstlers Tobias Hauser

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