Berlin : Besuch bei Carsten, 34, Aids-Patient im Auguste-Viktoria Krankenhaus

Bernhard Koch

Einzelzimmer mit Bad, Fernseher, Blumen von der Mutter auf der Fensterbank: "Ich fühle mich hier gut versorgt", sagt Carsten. Der 34-Jährige, einen Meter 97 große Mann hat Aids und ist Patient im Schöneberger Auguste-Viktoria-Krankenhaus. Die Klinik hat Berlins größten Aids-Schwerpunkt, 30 Kranke werden hier auf zwei Stationen behandelt, zudem gibt es eine Aids-Tagesklinik mit zehn Plätzen und sogenannte Übergangsbetten, wo Patienten auf die Entlassung nach Hause vorbereitet werden. 1985 fing man mit drei Aids-Patienten an.

Carsten wiegt nur 65 Kilo, Begleiterkrankungen der Immunschwäche haben seinen Körper ausgezehrt. Derzeit liegt er wegen einer Dickdarmentzündung im Krankenhaus, schon der zweite Klinik-Aufenthalt in diesem Jahr. Der gebürtige Berliner ist auf dem rechten Auge fast blind, ein Nervenleiden in den Beinen behindern die Mobilität, das Radfahren musste er deshalb vor zwei Jahren aufgeben. Carsten ist als 100 Prozent schwerbehindert eingestuft. Um sich fit zu halten und gegen die Langeweile geht er täglich in den Klinik-Therapieraum und tritt dort auf dem Ergometer in die Pedalen: "Ich schaffe zehn Kilometer in 30 Minuten."

Vor zehn Jahren, so die Klinik-Psychologin Brigitta Einberger-Spiegel, "hatten wir mehr Patienten". Dank besserer Medikamente und des gut ausgebauten ambulanten Hilfsnetzes ist der Bedarf für Kliniktherapie zurückgegangen, die Lebenserwartung bei Aids gestiegen. Die Kranken kommen nach wie vor aus den so genannten Risikogruppen. Es sind zu 80 Prozent Männer, die meisten sind homosexuell, viele suchtkrank. Unter den Frauen auf den Aids-Stationen seien vermehrt Ausländerinnen, vor allem aus Afrika, ein Ghanaerin ist mit ihrem Kind im Schöneberger Krankenhaus.

Carsten ist seit zehn Jahren HIV-positiv. Als der Pharmazie-Student damals von der Diagnose erfuhr, sei "viel negativer Stress" von ihm gewichen. Er habe vorher geahnt, positiv zu sein, "doch ich verdrängte das". Unterstützung von der Familie gab es früher kaum, die Eltern wussten nicht einmal, dass er schwul ist. Mittlerweile sei das Verhältnis zu Vater, Mutter und Bruder in Westdeutschland sowie der Berliner Tante harmonisch und liebevoll, betont Carsten. Neben einem festen Freund habe er kleinen Kreis Vertrauter, "am öffentlichen Leben nehme ich kaum noch Teil". Tagsüber beschäftige ihn sein "Krankheitsmanagement", wenn er nachts nicht schlafen kann, schaut er fern. Manche Freunde hat Carsten durch Tod verloren, etwa einen 22-Jährigen, "der mit Haschisch zugedröhnt auf die Straße lief und vom LKW überfahren wurde".

Wenn er in voraussichtlich zehn Tagen wieder zu Hause in Prenzlauer Berg ist, will er sich Haltegriffe im Bad und andere kleine Hilfsmittel einbauen lassen, um in der Wohnung möglichst selbstständig leben zu können: "Hoffentlich zahlt die Krankenkasse dafür". Carsten bekommt 780 Mark Rente, 200 Mark Wohngeld und Unterhalt von den Eltern, dies reiche "so gerade". Eine Waschmaschine hat ihm die Deutsche Aids-Stiftung finanziert, ein aktueller Wunsch ist ein Hometrainer. Seit drei Jahren hat er die Wohnung, vermittelt vom Sozial-Makler "Zuhause im Kiez". In Prenzlauer Berg lebe er gern: "Hier wirst du nicht von Spießern angemacht, weil du schwul bist oder bestimmte Klamotten trägst."

Das Auguste-Viktoria-Krankenhaus arbeitet mit "Zuhause im Kiez", der Aidshilfe und anderen Hilfsdiensten für Aids-Kranke eng zusammen, die Kooperation mit ambulanten Aids-Schwerpunktpraxen gilt als vorbildlich. Zwar sind Klinik-Balkone hier mit Regenbogenfahnen der Schwulen-Bewegung geschmückt, als ein "Szene-Krankenhaus" verstehe man sich aber nicht, so Psychologin Einberger-Spiegel. Die Aids-Stationen sind Teil der Inneren Medizin, "hier liegen auch Patienten mit anderen Befunden". Die Normalität zeigt sich etwa durch Tannengrün und Lichterketten auf den Fluren.

Der heutige Welt-Aids-Tag ist für Carsten kein großes Thema: "Es ist aber gut, auf die Krankheit hinzuzweisen und in der Vorweihnachtszeit Spenden für bedürftige Kranke zu sammeln."

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