Besuch bei der ältesten Bezirksverordneten Berlins : Politik macht munter

Eva-Marie Schoenthal ist mit 85 Jahren die älteste Bezirksverordnete Berlins. Im Neuköllner Sozialausschuss lenkt sie die Debatten. Ein Besuch bei einer Politikerin an der Basis.

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Berlins älteste BVV-Verordnete Eva-Marie Schoenthal in ihrem Garten in Berlin-Rudow.
Berlins älteste BVV-Verordnete Eva-Marie Schoenthal in ihrem Garten in Berlin-Rudow.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Nummer 19 war sie auf der Liste, das hat dann gereicht, um wieder einzuziehen in die Bezirksverordnetenversammlung von Neukölln. Eva-Marie Schoenthal sitzt auf ihrer Terrasse in Buckow, das Gesicht auf die Hand gestützt, den Blick himmelwärts gerichtet. „Würde den Vorsitz vom Sozialausschuss schon noch mal übernehmen, wenn mich die Jungen denn lassen.“ Sie sagt es wie ein Kind, das zum Geburtstag etwas Großes erträumt, sich aber nicht traut, es auf die Wunschliste zu setzen.

Eva-Marie Schoenthal, genannt Mariechen, ist die älteste Bezirksverordnete Berlins und denkt nicht ans Aufhören. Bezirkspolitik macht ihr Freude und lässt sie so viele interessante Menschen kennenlernen wie kaum in ein Adressbuch passen. „Ich treffe ausgesprochen gerne Leute.“ In fünf Jahren, am Ende der Legislaturperiode, wird sie 90 sein, mal sehen, was die Jungen dann sagen, wenn sie sich wieder für die BVV und den Sozialausschuss-Posten bewirbt.

Im Wahlkampf von Tür zu Tür? Kein Problem

Jetzt erholt sie sich erst mal vom Wahlkampf und den vielen Sitzungen danach. In der letzten Woche vor der Wahl war sie jeden Tag auf den Beinen, lief in Rudow mit dem Kandidaten der SPD von Tür zu Tür. Da schont sie sich nicht, warum auch? Drei Polit-Termine am Tag schafft sie, auch die langen BVV-Sitzungen – das strengt dann schon an, „aber das geht auch vielen Jüngeren so, dass sie sagen, ich bin k.o..“

Eva-Marie, Genossin seit 1968, ist ein Energiebündel. Mit Labrador Willy (nicht nach Willy Brandt benannt), geht sie am Teltowkanal spazieren. Nachher muss sie noch zum Kieser-Training, für den Rücken. Eigentlich würde sie ja lieber „in der Stadt“ wohnen, in Nord-Neukölln, da ist einfach mehr los als in ihrer Rudower Eigenheimsiedlung. „Hier werden um 23 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt.“ Für Eva-Marie und Willy viel zu früh.

Das Abschneiden der AfD war ein Schock

Das quirlige Multikulti-Nord-Neukölln ist wahrscheinlich der Grund, warum einige in ihrer Nachbarschaft AfD gewählt haben, das findet Eva-Marie, Jahrgang 1931, natürlich besonders schlimm. Sie nimmt das Wort Nazi nicht in den Mund, möchte auch nicht erzählen, wie es ihrer Familie damals ergangen ist, aber das mit der AfD habe sie schockiert. „Das ist schwer zu verstehen, die Sprüche der AfD-Leute sind oft menschenverachtend, als Denkzettel kommt diese Partei nicht infrage.“

Seit 1979 ist Eva-Marie in der Neuköllner Politik aktiv, zuerst als Bürgerdeputierte, dann als reguläre BVV-Verordnete im Sozialausschuss. Was sie da alles erlebt hat? Nicht so wichtig, findet sie. Was sich verändert hat? „Früher sagte man quatschen, heute heißt es netzwerken.“ Wichtig sei es in der Politik, nicht betriebsblind zu werden, sondern nebenher noch Hobbys zu haben und Freunde zu treffen.

Eine überzeugte Realpolitikerin

Im Sozialausschuss geht es vor allem darum, wie das Geld verteilt werden soll. Wenn ein Verein oder ein Träger sie anruft und ein Problem schildert, mache sie niemals finanzielle Versprechungen. „Ich sag’ dann auch, wenn ich etwas nicht gut finde.“ Doch meistens geht ja in Neukölln am Ende alles gut aus. Im Fall der Seniorenfreizeitstätte Rudow, die abgerissen werden musste, fand sich dann doch noch das Geld für einen Neubau. Da werde sie „weiter bohren“, damit es auch ausgegeben wird.

Eva-Marie ist überzeugte Realpolitikerin, sonst hätte sie ihrer SPD schon längst den Laufpass gegeben. Sie lacht über die Bezeichnung Realpolitikerin: „Ist ja nicht die große Politik hier in Neukölln.“ Fürs Abgeordnetenhaus wollte sie sich nie bewerben früher, weil ja schon ihr Mann Hans Ludwig drin saß, der 2002 verstorben ist. Später, weil sie sich die interne Bewerbungsprozedur nicht antun wollte. „Da hätte ich auch richtig kämpfen müssen.“ Für die BVV hat ihre SPD-Abteilung sie aber immer wieder aufgestellt, „wahrscheinlich, weil ich fleißig bin“.

Brandt war gut, Schmidt aber auch

„Das schreiben Sie jetzt aber nicht!“ fordert Eva-Marie immer wieder energisch. Mit Journalisten über ihr Leben zu sprechen, findet sie eigentlich komplett überflüssig. Aber jetzt hat sie halt mal eingewilligt, also bitte, noch eine Frage: Welcher Politiker ist ihr großes Idol? Brandt oder Schmidt?

„Ja, Brandt war schon...“ - Pause - „toll“ - Pause - „aber auch Schmidt hat seine Verdienste“ - Pause - „aber vielleicht war ja auch jeder zu seiner Zeit gerade der passende.“ Okay. Eva-Marie lässt sich ungern in die Karten schauen. Redselig wird sie erst bei den Erfolgen der Neuköllner SPD: „Kreativwirtschaft in den Bezirk geholt, Campus Rütli aufgebaut, jetzt den Campus Efeuweg entwickelt. Bildung ist ein Hauptthema in Neukölln. Und Fahrradwege! Wir haben jede Menge Fahrradwege geschaffen, auch wenn die Grünen das nicht wahrhaben wollen.“

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