Berlin : Besuch im Kanzleramt: Anstehen für Kabinettstückchen

Katja Füchsel

Ob er lange überlegt hat, was er scheinbar nachlässig auf dem Schreibtisch liegen lässt? Oder ob er sie extra drapiert hat? Die Stapel mit den Büchern, die Ausstellungskataloge, das Foto des Vaters vor dem von Doris Schröder-Köpf. "Mann, Tucholsky, Kerr, Brecht", murmelt ein Besucher am Bücherregal. "Hat der denn Zeit, hier Schöngeistiges zu lesen?"

Schulterzucken, dann zieht die Gruppe weiter. Durch die Sky-Lobby im siebten Stock des Kanzleramtes mit Blick auf den Reichstag, die Kongresshalle, die Spree, den Tiergarten, die Philharmonie, das Sony-Center - und die immer länger werdende Schlange, unten, vor dem Kanzleramt. An diesem Wochenende hat die Bundesregierung "zum Staatsbesuch" geladen und die Besucher lassen sich nicht zweimal bitten. "Zwei Stunden haben wir angestanden", sagt eine Frau gutgelaunt. Drei Meter noch, dann hat sie es geschafft: ins Treppenhaus mit seinen runden Wänden und der Skulptur von Markus Lüpertz, die Philosophin.

Für rund 600 Tagesspiegel-Leser, Gewinner einer Verlosung, gestaltete sich der Rundgang nicht ganz so beschwerlich. Sie wurden durch einen Nebeneingang an der Schlange vorbei geschleust und konnten dann bei den Sonderführungen auch die oberen Etagen des Kanzleramtes besuchen: Schröders Arbeitszimmer, den Regierungssaal, den kleinen Kabinettsaal. "Der Ausblick ist toll", sagt Martin Schiller, als er in der Sky-Lobby aus dem Lift tritt. Er kann es beurteilen, arbeitet er doch selbst "im 27. Stock des Treptowers."

Den großen Kabinettsaal hat man für die Besucher wie an jedem Mittwochmorgen hergerichtet. Wenn hier die Minister beraten und der Kanzler die Besprechung mit einer alten Tischglocke eröffnet. So will es die Tradition. "BM Künast, BM Müller, BM Scharping", steht auf weißen Namensschildern. Zu jedem Sessel gehört eine glänzende Thermoskanne, dazwischen silberne Tabletts mit Saft und Selters. An den Wänden hängt, wie überall im Haus, moderne Kunst. "So prunkvoll habe ich mir das nicht vorgestellt", sagt Heinz Apel grinsend. Keiner, der sich über die Arroganz der Macht oder die Verschwendung von Steuergeldern erregen mag. "Als Repräsentanz finde ich das durchaus angemessen."

Von innen hält das Kanzleramt kaum, was es von außen verspricht. Wer über die runden Treppenhäuser des als "Waschmaschine" verspotteten Hauses schlendert, fühlt sich zuweilen an ein Museum für moderne Kunst erinnert. "Ausgangspunkt für alle Überlegungen zur Kunst im neuen Kanzleramt war die Architektur selbst", heißt es in einer Broschüre. Die Besucher steigen weite Treppenhäuser hinauf, mit runden, bunten Wänden, jedes in einer anderen Farbe. Die Broschüre erklärt: "Die Farbe Blau verweist auf Weisheit, Umbra auf Kraft und Stärke, Rot auf die Tugend der Tapferkeit, Ocker-Gold auf Gerechtigkeit und die Kombination von Grün und Weiß auf Klugheit."

Vom Saal, wo die Regierung ihre internationalen Konferenzen abhält, geht es dann im Tross langsam am Sicherheitspersonal vorbei durch die Wintergärten in den Garten des Kanzlers und - über eine Brücke der Spree - in seinen Park. Wer hier mehr Informationen zur Baugeschichte des umstrittenen Gebäudes erwartet, wird enttäuscht. "Keine Ansprechpartner, keine Stände, keine Hintergrundvideos", schimpft eine Besucherin - um sich dann gleich noch einmal zu ärgern. "Keiner weiß, wie man zum Shuttle-Service kommt!"

Derweil machen es sich vor dem Ehrenhof die nächsten mit Campingstuhl und Thermoskanne gemütlich. Manche haben sich mit Campingstuhl und Thermoskanne schon für den Abend eingerichtet. Um ganz vorne dabei sein, beim "Fest am Kanzleramt", wenn Video-Künstler aus den Szeneclubs die Betonflächen des Hauses mit bewegten Bildern überziehen. Und auf der Bühne das Live-Programm beginnt: mit Udo Lindenberg, den Prinzen, No Angels. Umsonst und draußen.

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