Berlin : Beten im Bus

Christian van Lessen

erinnert sich an vergangene Schweigeminuten Schon vor Beginn der offiziellen Gedenkminuten wurde es im BVG-Bus merklich stiller. Der Fahrer stoppte den 148er an der Haltestelle, ließ Wartende einsteigen, schaltete wortlos den Motor ab. Über das Warum schienen alle Bescheid zu wissen. 20 Fahrgäste im Bus wurden ganz ruhig, während draußen am Steglitzer Kreisel der Autoverkehr scheinbar unberührt weiterrollte. Die Leute im Bus schlossen die Augen, beteten, sahen vor sich hin oder schauten hinaus. Ihre Blicke sagten: Warum haltet ihr da draußen nicht ein, warum braucht ihr immer erst eine rote Ampel, um zu stoppen? Es war 10 Uhr am 13. September 2001, zwei Tage nach den Terroranschlägen in den USA. In Bussen, Bahnen, Schulen, Firmen, Kaufhäusern wurde, so gut es ging, innegehalten, selbst raue Kindl-Brauer in Neukölln falteten die Hände. Hunderttausende waren still, um Schreckliches zu fassen und öffentlich Mitgefühl und Trauer zu zeigen. Sie mögen gehofft haben, dass die Welt so bald keine weiteren Katastrophen hervorbringe. Gedacht, dass es schlimmer nicht gehe. Wenn heute um 12 Uhr etwas Ruhe einkehrt, werden sie wieder zu erfassen suchen, was nicht zu fassen ist. Und werden Anteil nehmen.

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