Berlin : Beten und blockieren

Linksradikale, Katholiken und Grüne fahren gemeinsam zum G-8-Gipfel

Hannes Heine

Von Chaos ist derzeit nichts zu merken. Ganz diszipliniert mieten die Berliner Kritiker des bevorstehenden G-8-Gipfels Busse, Sonderzüge und Autos. Mehr als 100 Organisationen aus der ganzen Stadt wollen in Heiligendamm gegen den Weltwirtschaftsgipfel protestieren. Von der Katholischen Jugend über Sozialdemokraten bis hin zu linksradikalen Zirkeln: Wenn Anfang Juni an der Ostsee demonstriert wird, wollen sie alle dabei sein. Knapp 30 Berliner Busse sind inzwischen fest eingeplant, ein Großteil der Fahrkarten ist bereits verkauft. Allein die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi will mit Hunderten Kollegen Richtung Norden aufbrechen, auch der Konvoi der Berliner Grünen ist schon ausgebucht.

Berührungsängste mit ebenfalls anreisenden Autonomen gibt es dabei nicht. „Die Gemeinsamkeiten überwiegen“, sagt Benedikt Lux, der für die Grünen im Abgeordnetenhaus sitzt und in der Nähe von Heiligendamm ein Zeltlager für Demonstranten anmelden möchte. Nahezu geschlossen will auch der PDS-nahe Jugendverband Solid nach Rostock reisen.

In der Mecklenburger Hafenstadt findet am 2. Juni die Großdemonstration gegen den G-8-Gipfel statt. Am selben Abend soll unter anderem die Berliner Pop-Rock-Gruppe Wir sind Helden auftreten. Bis zu 100 000 Menschen werden zur Demonstration und dem Konzert erwartet – so viele wie schon lange nicht mehr zu linken Protesten.

Jetzt rufen auch kirchliche Gruppen vermehrt zu Kundgebungen auf. „Die Politik der G-8-Staaten widerspricht ganz klar der katholischen Soziallehre“, sagt Markus Weber von der Katholischen Jugend Berlin. Der Bus, den die Katholiken gemietet haben, ist bald voll.

Viele Teilnehmer suchen nun Übernachtungsmöglichkeiten vor Ort. Im Zeltlager des Gewerkschaftsbundes DGB haben sich schon jetzt 8000 Menschen angemeldet. Einige Tausend Berliner werden noch hinzukommen. Doro Zinke, die stellvertretende Berliner DGB-Vorsitzende, unterstützt die Proteste: Am vergangenen Wochenende war die Gewerkschafterin sogar beim Blockadetraining autonomer Gruppen im Görlitzer Park dabei. „Das bewegte sich im Rahmen geltender Gesetze“, sagt Zinke.

So viel Lob bekommt die „Antifaschistische Linke Berlin“ selten. Die linksradikale Gruppe hatte am Sonnabend zum Üben von Straßenblockaden eingeladen, 150 Menschen kamen. „Wir freuen uns über die vielen Bündnispartner“, sagt Sprecher Tim Laumeyer.

Neue Kraft schöpft auch das globalisierungskritische Netzwerk Attac. Nachdem es in den vergangenen Jahren Mitglieder verloren hat, stehen im Kreuzberger Attac-Büro die Telefone nicht mehr still. „Täglich melden sich Interessierte“, sagt ein Mitglied.

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