Berlin : Bethanien-Besetzer haben sich eingelebt

Seit einem Jahr ist das ehemalige Krankenhaus in Teilen besetzt – und keiner weiß, was wird

Werner van Bebber

Gute Werke dauern manchmal etwas länger, zumal in Kreuzberg. Der große Kompromiss, den die Besetzer des Kulturhauses Bethanien und das Bezirksamt suchen, um nach einem Jahr die Besetzung zu beenden, ist noch nicht gefunden. Am 11. Juni 2005 hatten etwa hundert Bewohner des Projekts Yorckstraße 59 das Künstlerhaus am Kreuzberger Mariannenplatz besetzt – sie bewohnen den Südflügel. Damals war von Räumung die Rede, dann von Duldung bis zum Jahresende. Jetzt ist ein – befristeter – Mietvertrag im Gespräch. Doch keiner weiß, ob der zustande kommt.

Das ärgert vor allem den Leiter des Künstlerhauses Bethanien, Christoph Tannert. Auf der Internetseite des Künstlerhauses heißt es, die Besetzer gäben sich volkstümlich und stadtteilnah. Doch ihr „Angebot“ sei alter Kreuzberger Wein in neuen Schläuchen. „Selten stand dafür so viel mietfreie Fläche zur Verfügung.“

Tannerts Groll ist nachvollziehbar. Noch vor ein paar Monaten gab es Pläne, das frühere Krankenhaus an einen Investor zu verkaufen und zu einem Kulturhaus mit hohem Anspruch auszubauen. Davon ist nicht mehr die Rede. Vor kurzem hat die „Initiative Zukunft Bethanien“ rund 10 000 Unterschriften für ein Bürgerbegehren beim Bezirksamt abgeliefert. Es soll den Verkauf des Gebäudes verhindern, damit im Hauptgebäude „ein offenes kulturelles, künstlerisches, politisches und soziales Zentrum“ eingerichtet werden könne. Außerdem soll verhindert werden, dass das Hauptgebäude verkauft oder auch nur dem Liegenschaftsfonds des Landes übergeben wird. Die Besetzer sollen bleiben können „unter dem Vorbehalt, dass eine Legalisierung der Nutzung erreicht wird“.

Die Leute, die noch übrig sind vom Wohnprojekt Yorck 59, haben sich und ihre Anliegen längst neu sortiert. Sie seien ungefähr 25, erzählen Sonja und Peter, die anders heißen und ihre wirklichen Namen lieber für sich behalten, damit das Bezirksamt oder die Polizei keinerlei Daten für einen Räumungstitel bekommen. Sie geben sich kieznah und offen für alles an Initiativen und Projekten, was in Kreuzberg unterwegs ist. Besucher bekommen Flugblätter und Postkarten in die Hand, auf denen für das Theaterstück „Biene Maya und der Faschismus“ genauso geworben wird wie für den Verzehr von „Solicocktails und Essen für emanzipatorische Projekte“ in der „Druzbar“ an jedem 1., 3. und 5. Montag. Die Initiative Zukunft Bethanien will, folgt man Sonja, Peter und anderen Aktivisten, auf allerlei Arten und Weisen gegen „Sarrazins Verwertungslogik“ arbeiten – und gegen das, was man als schleichende Yuppiisierung von Kreuzberg empfindet. All das konzentriert sich für die Initiativ-Aktivisten, von denen manche Hartz IV bekommen und andere studieren, in den Verkaufsplänen für Bethanien. Leute wie sie fühlen sich allenfalls politischen Bewegungen wie Attac oder anderen Globalisierungsgegnern verbunden – mit den etablierten Kreuzberger Parteien von den Grünen bis zur PDS wollen sie nichts zu tun haben. „Wir sind partei-unabhängig“, sagt „Peter“.

Aber sie wollen bleiben und sind deshalb an einem Mietvertrag mit dem Bezirksamt interessiert. Sie zahlen nach eigenen Angaben Miete auf ein Sperrkonto, sie halten das alte backsteinerne Südgebäude in Betrieb und in Schuss – und sie verhandeln mit dem Bezirksstadtrat Lorenz Postler.

Der SPD-Mann, im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg für Wirtschaft, Finanzen und Bürgerdienste zuständig, klingt etwas müde, wenn er über „Bethanien“ spricht. Das dürfte mit dem Stand der Verhandlungen zu tun haben. Man sei dabei, sich „relativ anzunähern“, sagt Postler. Der Entwurf eines befristeten Mietvertrages solle in den nächsten Wochen dem Bezirksamt vorliegen. Doch stellt sich auch die Frage, ob die Bezirksverordneten die Ziele des Bürgerbegehrens übernehmen oder ob es einen Bürgerentscheid über Bethanien geben wird.

Was immer mit Bethanien geschieht – aus Postlers Sicht muss es sich rechnen. Das ist bei den Konzepten der Initiative nicht zu erkennen. Womöglich erben die im Herbst neu gewählte Bezirksverordneten den Konflikt. Die Besetzer wollen am heutigen Sonnabend öffentlich den ersten Jahrestag der Besetzung feiern.

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