Bethanien : Roma auf gepackten Koffern

Eigentlich sollten die Roma-Familien schnell aus dem Bethanien ausziehen. Weil die Gruppe größer ist als gedacht, klappt das nun doch nicht.

Anna Sauerbrey/Stefanie Richter
Bethanien
Beengtes Wohnen. Die Roma-Familien sollen ausziehen aus dem Bethanien. Die Besetzer haben für sie keinen Platz. -Foto: Steinert

Am Dienstagmittag waren die Roma auszugsbereit. Vor dem besetzten Südflügel des ehemaligen Krankenhauses Bethanien in Kreuzberg stapelten sich die Habseligkeiten der Rumänen auf alten Kinderwagen und in großen Ikeataschen, Kleidung, Decken und Matratzen waren zusammengepackt. Mütter und Kinder warteten auf dem Spielplatz auf den Auszug. Nachmittags allerdings verschwand die Aufbruchstimmung: Noch einmal sprachen Vertreter des Kreuzberger Sozialamtes, der Fachstelle für Wohnungsnotfälle des Bezirks und des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) mit den Roma. Dabei stellte sich heraus, dass es sich nicht, wie bislang angenommen, um 60, sondern um 90 rumänische Bürger handelt. Die am Montag vereinbarte Lösung wurde damit hinfällig. Der zuständige Sozialstadtrat Knut Mildner-Spindler (Die Linke) sagte, er staune doch darüber, dass die Zahl der Roma ständig steige.

Man hatte den Rumänen angeboten, sie in über die Stadt verteilten Unterkünften für Obdachlose unterzubringen. Für 60 Personen wäre dort Platz gewesen – nicht jedoch für 90. Außerdem waren die Roma nicht einverstanden mit der gängigen Praxis der Stadt, sie – sortiert nach Geburtsdaten – auf Bezirke zu verteilen. „Die Familienverhältnisse sind sehr kompliziert“, sagte Holger David, Leiter des Sozialamtes Friedrichshain-Kreuzberg. Es sei schwierig, dies zu berücksichtigen. Außerdem gebe es unterschiedliche Vorstellungen über die Dauer der Unterbringung. „Es besteht die Erwartung, vier bis fünf Monate in den Unterkünften bleiben zu können“, sagte Heike Effertz von der Fachstelle für Wohnungsnotfälle. So lange hätten die Rumänen allerdings in Deutschland kein Aufenthaltsrecht, zumindest dann nicht, wenn sie sich nicht selbst versorgen könnten. Dies sei allerdings auch nicht zu erwarten, denn eine Arbeitserlaubnis erhalten Rumänen aufgrund der eingeschränkten Freizügigkeit für die osteuropäischen EU-Neumitglieder nicht automatisch. Des Weiteren forderten die Behörden von den Roma, dass sie Anträge bei den Ämtern stellen sollten, was sie wegen mangelnder Sprachkenntnisse ablehnen. Möglicherweise werden einige der Rumänen nun doch in das Flüchtlingsheim in der Spandauer Motardstraße ziehen. Derweil verschärft sich die politische Kritik an der Situation.

„Das ist ein Missbrauch der Gastfreundschaft“, sagte der migrationspolitische Sprecher der CDU, Kurt Wansner. „Das Schicksal der 90 Roma sollte zum Anlass genommen werden, die Lebensumstände in den Herkunftsnationen nachhaltig zu verbessern“, forderte die frühere Berliner Integrationsbeauftragte Barbara John (CDU). Rumänien sei ein EU-Sorgenkind, vierzig Prozent der Menschen lebten unterhalb der Armutsgrenze.

In der Nachbarschaft des Bethanien sind nicht alle begeistert vom Zuzug der Roma. Während einige Nachbarn die Familien mit Spenden unterstützen, wächst bei Geschäftsleuten der Unmut. Ayse Torun, die mit ihrem Mann die Café-Bäckerei Eli am Mariannenplatz betreibt, beklagt sich, dass sie in und vor ihrem Café bereits mehrfach Roma beim Stehlen erwischt habe. „Diese Leute tun mir leid, aber so kann es nicht weitergehen“, sagt sie. Aschenbecher, Handys und Zuckerstreuer seien verschwunden. Elisabeth Schwarz, die die Galerie nebenan betreibt, wurden von zwei Frauen, die aus ihrer Sicht Roma gewesen sein könnten, Laptops aus dem Büro gestohlen. Jetzt verschließt sie die Tür zur Galerie. Die Polizei konnte gestern aber noch nichts zum Anzeigenvolumen in der Gegend sagen.

Problematisch ist die Situation auch weiterhin für die Gruppe ehemaliger Hausbesetzer, die die Roma beherbergt. „Unser Angebot waren zwei bis drei Tage“, sagt eine Bewohnerin. Nun befürchten sie, dass auch vor dem langen Pfingstwochenende keine Lösung gefunden wird. Wegschicken werde man die Roma aber nicht. Anna Sauerbrey/Stefanie Richter

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar