Berlin : Betörende Straßenkinder

Benefizkonzert mit Bundespräsident Rau in der brasilianischen Botschaft

Elisabeth Binder

Es geht auf elf Uhr abends zu, Berlins schönste Türme leuchten von allen Seiten in die verglaste Dachresidenz des brasilianischen Botschafters. Langsam wenden die Gäste sich ab von den Platten mit Schinken und Lachs. In der Mitte des großen Raums steht Bundespräsident Johannes Rau und deklamiert einen Text von Paul Gerhardt: „Nun ruhen alle Wälder“. Die vier Musikerinnen des Klenke-Quartetts lauschen lächelnd. Die Streicherinnen, die sich in Weimar kennen gelernt haben, spielen gleich die instrumentale Variante des Chorals, als späte Zugabe zu einem ungewöhnlichen Benefizkonzert.

Was macht ein Bundespräsident einen ganzen Abend lang in der brasilianischen Botschaft? Er will nichts mehr und nichts weniger, als sehr armen, aber sehr musikalischen brasilianischen Kindern helfen. Er könnte das guten Gewissens auch seiner Frau Christina überlassen, die am Dienstagabend auch hier ist, aber er will selber mitmachen. Im vergangenen November haben die Straßenkinder aus Manaus in der Residenz des deutschen Botschafters in Brasilia gespielt, und diejenigen, die den Bundespräsidenten auf seiner Südamerika-Reise begleitet haben, außer dem Klenke-Quartett zum Beispiel Staatssekretär Rüdiger Frohn und seine Frau Gabriele, geraten bei der Erinnerung an die kollektive Rührung, die die Kinder bei den Zuhörern ausgelöst haben, noch immer heftig ins Schwärmen: „Denen wollten wir auf jeden Fall helfen.“ Vielleicht liegt in diesem unbedingten Helfen wollen ein Teil der menschlichen Qualitäten, die, glaubt man Botschafter José Artur Denot Medeiros, seiner Frau Thera und anderen südamerikanischen Diplomaten, so viel Furore gemacht haben in ihrer Heimat.

Um die Gäste in Spendenstimmung zu bringen, erzählt Johannes Rau Anekdoten. Die über den Pfarrer ist dabei, der immer mit dem Hinweis sammelte, dass man doppelt so viel geben solle, wie man eigentlich geplant habe, um wenigstens die Hälfte von dem zu spenden, was Gott von einem erwartet. Später erzählt er von Orje aus Oranienburg, den er selber 1962 aus der DDR herausgeschmuggelt hat und der auf dem Umweg über eine Existenz als Wuppertaler Kneipenwirt inzwischen Naturschützer in Brasilien geworden ist. Auch er ein Brückenbauer, wie vielleicht auch die musizierenden Straßenkinder im fernen Brasilien zu Brückenbauern werden, denen, angefeuert vom Präsidenten, an diesem Abend so viele Honoratioren „ein gelingendes Leben“ wünschen.

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