Berlin : Betonköpfe

Das Märkische Museum hat ein Stück Mauer aufgestellt

Stefan Jacobs

Die Autonomen haben sein Kunstwerk gerettet, sagt Kiddy Citny. Ab 1984 hat er mit dem Franzosen Thierry Noir zusammen die Mauer an der Waldemarstraße in Kreuzberg bemalt: Noir steuerte seine üblichen farbenfrohen Großnasen-Köpfe bei, Citny malte rot bekrönte „Königsköpfe“ auf den Beton. Teile des Frieses spielten eine Nebenrolle in Wim Wenders’ Film „Der Himmel über Berlin“, reisten später bis nach Monaco und sind nun vor dem Märkischen Museum angekommen.

„Die Autonomen haben in einer Wagenburg vor der Mauer gesiedelt“, erinnert sich Kiddy Citny. „Da hat sich keiner rangetraut.“ So erklärt er sich, dass die Mauerspechte den Fries verschont haben. Was dann mit den Segmenten passierte, wissen weder er noch die Museumsleitung genau. Einige wurden wohl geschreddert, andere tauchten 1990 auf einer Versteigerung in Monaco auf. Eine West-Berliner Firma soll sie hingeschafft haben, aber Gerüchte erzählen, dass DDR-Grenzer höchstselbst den Handel eingefädelt haben. Sicher ist, dass Museen aus aller Welt zugriffen. Zwei Figuren aus der Waldemarstraße sollen jetzt auf dem ausrangierten Flugzeugträger „Intrepid“ am Hudson River in New York stehen, andere an einer Straßenecke mitten in Manhattan.

Ein Berliner Privatmann, der anonym bleiben will, erwarb auf der Auktion einen von Kiddy Citnys „Königsköpfen“ und lieh ihn dem damaligen Berlin-Museum, das ihn aufbewahrte. Inzwischen gehört er dem Märkischen Museum, das ihn nun zum 14. Jahrestag der Maueröffnung hervor- holte. Sie stehen einzeln in einer Nische des Baus an der Wallstraße, wo sie unbefristet bleiben sollen. Daneben wurden fünf andere Segmente aufgestellt, denen Mauerspechte und Sprayer arg zugesetzt haben. Auch das markante obere Abschluss-Rund fehlt, aber auf einem der Teile ist immerhin noch ein ergrauter Thierry-Noir-Kopf erkennbar. Eine Rarität ist das Segment mit eingebauter Klappe, durch die die Grenzer auf die Westseite gelangen konnten.

Zum Ensemble gehört auch eine Säule, die auf Knopfdruck zehn historische Dokumente abspielt – von Ulbrichts „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“-Rede über eine Rias-Reportage vom 13. August 1961 bis zum Klopfen der Mauerspechte. Im Museum sind die Plastik „Übergang“ und das Gemälde „Straße mit Mauer“ zu sehen.

Märkisches Museum, Wallstraße/Ecke Am Köllnischen Park (Nähe Bhf. Jannowitzbrücke), Di. bis So. 10 bis 18 Uhr.

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