Berlin : Betreten des Rasens verboten!

Promenieren und marschieren: Ein Streifzug durch 450 Jahre Berliner Lustgarten

Michael Zajonz

Selten erregen öffentliche Grünanlagen so die Gemüter. Doch als 1994 Gerhard Merz den Wettbewerb für die Umgestaltung des Berliner Lustgartens gewann, protestierten nicht nur die Nostalgiker von der Gesellschaft Historisches Berlin. Der Kölner Künstler plante vis-à-vis von Schinkels Altem Museum einen lang gestreckten Gebäuderiegel, der den Platz zwischen Dom und Kupfergraben gegen den Straßenlärm abschirmen sollte. Als „Bushaltestelle“, „Berliner Mauer“ oder „Frust-Garten“ beschimpften Kritiker das radikalmodernistische Konzept. Es blieb unausgeführt, verriet es doch offenkundig die Unkenntnis über einen Ort, dessen Erscheinungsbild weit hinter seiner historischen Bedeutung zurückgeblieben war.

Der Streit ist längst vergessen, denn der schließlich gefundene Kompromiss überzeugt. Im September 1999 wurde der vom Berliner Gartenarchitekten Hans Loidl neu gestaltete Lustgarten eröffnet. Obwohl er auf Schinkels Plan von 1828 beruht, ist er ein unverkennbar moderner Garten geworden. Nicht nur müde Touristen zeigen sich dankbar für die satten Rasenpolster, die, anders als zu Schinkels Zeiten, betreten werden dürfen.

Über den Lustgarten des 1950 gesprengten Berliner Schlosses ist viel geschrieben worden: gartenhistorische Abhandlungen, Streitschriften, anekdotengesättigte Essays, doch noch nie eine Gesamtdarstellung seiner 450-jährigen Geschichte. Der Berliner Kunsthistoriker Markus Jager legt nun eine opulent ausgestattete und bebilderte Monografie vor, die zu einem Standardwerk werden dürfte. Erzählt wird der Wandel von einem kurfürstlichen, geschlossenen Garten mit allein 120 verschiedenen Tulpensorten zum öffentlich zugänglichen Symbolort politischer Repräsentation.

Bei aller – gut lesbaren – Gelehrsamkeit geht Jager weder den Streitereien der letzten 15 Jahre noch biedermeierlichen Anekdötchen aus dem Weg. 1834, vier Jahre nach der Eröffnung, monierte etwa die „Haude & Spenersche Zeitung“ fehlende Sitzmöglichkeiten inmitten der neu angelegten innerstädtischen Gartenpracht. Ein hoher Staatsbeamter, „von Mattigkeit überfallen“, sei vom Aufsichtspersonal angeherrscht worden: „promeniren! promeniren! immer promeniren!“

Später hieß es stattdessen oft lapidar: Marschieren! Der Lustgarten war spätestens 1871, als das Reiterdenkmal Friedrich Wilhelms III. im Beisein der aus Frankreich zurückgekehrten Berliner Garnison eingeweiht wurde, zu einem Forum preußisch-dynastischer Selbstdarstellung geworden. Nach 1918 okkupierten politische Parteien den mit dem Schloss funktionslos gewordenen Stadtraum, nach 1933 wurde er gepflastert. Die Indienstnahme des Lustgartens als Ort von Aufmärschen und Demonstrationen setzte sich bis in die Nachwendezeit fort. Die Darstellung der Lustgarten-Umgestaltung von 1998/99 und ihrer Vorgeschichte gehört zu den spannendsten Kapiteln des Buches. Mit dem Gerangel zwischen Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit, das eher unerwartet glücklich ausging, hat Jager ein paradigmatisches Stück Berliner Nachwende-Ratlosigkeit eingefangen. Unter dem Rasen liegen Geschichten. Und aus dem Garten des Schlosses ist der begrünte Vorplatz der Museumsinsel geworden.

— Markus Jager: Der Berliner Lustgarten. Gartenkunst und Stadtgestalt in Preußens Mitte. Deutscher Kunstverlag, München und Berlin 2005. 365 Seiten, 299 Abbildungen, 88 Euro.

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