Berlin : Betreut und allein gelassen

14-jähriges Marzahner Folteropfer wohnte in einer Krisen-Unterkunft. Dort hatte niemand das Gefühl, dass der Junge in Gefahr war

Tanja Buntrock

Zwischen grauen Plattenbauten in Hellersdorf leuchtet der Flachbau der „Krisenunterkunft“ gelb. Mit bunter Graffiti-Farbe ist die Adresse „Nossener Straße“ aufgesprüht. Hier hat Sandro L. (Name geändert) gewohnt, bis er in der vergangenen Woche in einer Marzahner Hochhauswohnung festgehalten und fast zu Tode gefoltert wurde (siehe Kasten). Seitdem liegt der 14-Jährige auf der Intensivstation. Gestern wurde er an seinem zersplitterten Finger operiert: nur eine seiner zahlreichen Verletzungen.

Sandro hatte seine Peiniger im Trinker-Milieu an der Rabensteiner Straße in Marzahn getroffen. Er kennt die Gegend, denn in der Nähe wuchs er bei seiner Muter auf, bevor sie ihn ins Heim gab.

Hätte den Betreuern nicht auffallen müssen, wo Sandro sich herumtreibt? Volker Lohde ist Leiter der Krisenunterkunft, die im Auftrag des Jugendamtes arbeitet. Weder er noch die Betreuer hätten gewusst, dass Sandro seine Freizeit mit Trinkern aus Marzahn verbracht hat, sagt er. „Nichts deutete darauf hin. Er roch auch nicht nach Alkohol.“ Als Sandro am Dienstag vergangener Woche das Haus verließ, habe er den Betreuern lediglich gesagt, dass er sich mit Freunden treffe.

„Nachmittags haben die Jugendlichen ganz normal Freizeit. Wir können nicht jeden Schritt, den sie draußen tun, überwachen.“ Zudem habe es nichts gegeben, was die Erzieher hätte misstrauisch stimmen müssen, sagt Lohde. Sandro habe sich an die Regeln gehalten. Er sei spätestens – wie für 14-Jährige vorgeschrieben – um 20.30 Uhr zurück gewesen.

Bis auf einmal: „Da ist er später gekommen. Deshalb musste er am nächsten Tag bereits um 19 Uhr zurück sein. Das hat er auch getan.“ Ganz im Gegensatz zu dem, was Sandros Mutter über ihren Sohn erzählt. „Immer, wenn er mal bei uns gelebt hat, ist er zu spät gekommen. Er hat getrunken und vielleicht auch Drogen genommen“, sagt die Mutter. Deswegen habe sie sich ja an das Jugendamt gewandt. „Ich bin mit der Erziehung nicht klargekommen.“ Seither hat Sandro in zwei Heimen gelebt. Am 15. Juni kam er in die Krisenunterkunft. In dem Heim in Nauen, in dem er zuletzt lebte, wollte er nicht bleiben. „In unserer Kriseneinrichtung wohnen Jugendliche auf begrenzte Zeit, bis wir für sie eine neue Unterkunft gefunden und alle Formalitäten mit den Ämtern geregelt haben“, erklärt Lohde.

Zehn Plätze gibt es hier. Drei Betreuer im Schichtdienst sowie ein Sozialarbeiter kümmern sich neben dem Leiter um die Jugendlichen. Der Tagesablauf ist geregelt: Morgens gibt es Frühstück. Wer eine Schule in der Nähe hat, geht dort hin. Sandro ging nicht – für ihn musste erst eine neue Schule gefunden werden. Mittags gibt es warmes Essen. „Dann stehen Hausaufgaben an. Aber auch Putzen, Einkäufe und Küche aufräumen.“ Zudem müssten „unheimlich viele Termine“ eingehalten werden: Arztbesuche, Ämter, Therapien – dies seien die häufigsten Anlaufpunkte der Jugendlichen.

Sandro sei in den letzten Tagen damit beschäftigt gewesen, einen neuen Kinderausweis zu beantragen und dafür Fotos machen zu lassen. „Außerdem hatten wir für ihn ein Heim in Aussicht. Er war sehr gewillt, alles zu erledigen, damit es klappt“, schildert Lohde. Ein Besichtigungstermin für die kommende Woche sei schon ausgemacht gewesen. Doch nun wird Sandro noch einige Zeit im Krankenhaus verbringen.Danach will er weg aus Berlin, sagt die Mutter. Die Angst, dass so etwas noch mal passiert, sitzt zu tief.

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