Betriebsratswahlen : Verdi gegen den „frischen Wind“

Der Vorwurf von Verdi wiegt schwer: Eine Charité-Firma soll bei den Betriebsratswahlen eine arbeitgebernahe Angestelltenliste unterstützen. Das wäre laut Gesetz strafbar.

von

Der Vorwurf der Gewerkschaft Verdi ist schwerwiegend: Um die Gewerkschaften bei den Betriebsratswahlen zu schwächen, soll die Geschäftsführung einer Charité-Firma eine arbeitgebernahe Angestelltenliste unterstützen. Einige im Betrieb äußern sogar den Verdacht, die Chefs der Krankenhaustochter „Charité Facility Management“ (CFM) hätten angeregt, die Liste erst zu gründen. Die 2700 Mitarbeiter der mehrheitlich landeseigenen CFM erledigen für Europas größtes Universitätsklinikum vor allem Transporte, Reinigung und Wachschutz. An diesem Montag wählen sie 21 ihrer Kollegen in den Betriebsrat. Als aussichtsreich gelten die Kandidaten der Gewerkschaften, vor allem die von Verdi und IG Bau, denen sich viele Fahrer und Reinigungskräfte angeschlossen haben. Doch die Liste „Frischer Wind“ will ihnen ihre bisherige Mehrheit im Betriebsrat streitig machen. Laut Verdi wurde die Webseite der Liste von einer CFM-Systemadministratorin eingerichtet, die direkt der CFM-Geschäftsführerin untersteht.

Verdi wirft den „Frischer Wind“-Machern vor, die Interessen der Firmenspitze zu vertreten – und nicht die der Belegschaft. Der Firmenleitung stehe man in keiner Weise nahe, sagt hingegen Listenführer Hakan Dereli auf Anfrage. Allerdings kritisiere er die Gewerkschaften, deren Arbeit bei der CFM „stark verbesserungswürdig“ und oft ergebnislos sei. Sollte die Geschäftsführung die Liste tatsächlich unterstützen, wäre dies laut Betriebsverfassungsgesetz strafbar. „Die Veröffentlichung der Internetseite hat ohne Kenntnis der Geschäftsführung stattgefunden“, erklärte die Charité-Leitung auf Nachfrage. Die Internetseite sei weder im Auftrag der CFM eingerichtet worden, noch werde sie von ihr unterstützt. Die Systemadministratorin habe die Homepage eigenständig eingerichtet, sie sei eine Angestellte unter vielen. Der Geschäftsführung liege die Unterstützung von Betriebsratslisten „mehr als fern“.

Immerhin, die „Frischer Wind“-Kandidaten, unter ihnen wie bei den Gewerkschaften auch Hausmeister und Transportfahrer, gehen mit belegschaftsnahen Forderungen in die Wahlen: Betriebskindergarten, Weiterbildung, Transparenz bei der Dienstplanung, gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Verdi-Anwälte prüfen dennoch eine Anzeige. „Wir behalten uns auch vor, die Betriebsratswahl anzufechten und den Fall vor das Arbeitsgericht zu bringen“, sagte Verdi-Klinik-Experte Uwe Ostendorff. Betriebsintern wird allerdings damit gerechnet, dass die Gewerkschaften immer noch mindestens 14 der 21 Sitze im Gremium erringen.

Doch Gewerkschafter Ostendorff bleibt skeptisch: „Bereits bei der Betriebsratswahl vor vier Jahren drängte sich der Verdacht auf, einige Listen würden vom Unternehmen bevorzugt.“ So habe die Geschäftsleitung den Kandidaten gewerkschaftsfremder Listen entfristete Arbeitsverträge angeboten, obwohl dies unüblich sei. Zwei CFM-Mitarbeiter am Klinikstandort in Mitte sagten dem Tagesspiegel: „Die angepassteren Mitarbeiter kommen karrieremäßig besser voran.“ Das Krankenhaus bestreitet das.

Die CFM wurde erst vor vier Jahren aus dem Uniklinikum ausgegliedert – was Verdi kritisierte. Die Sicherheitsleute der Tochterfirma etwa bekommen mit rund sechs Euro Brutto-Stundenlohn deutlich weniger, als der Branchenlohn von 7,50 Euro vorschreibt. Die Charité ist mit 11 000 Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber der Stadt. Hannes Heine

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben