Betriebswerk Lichtenberg Ost : Zurückbleiben, bitte!

90 Künstler arbeiten in den BLO-Ateliers im alten Betriebswerk Lichtenberg. Ob sie bleiben dürfen, ist offen.

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Bleibt bei Laune. Karola Vogt, Sprecherin der Ateliergemeinschaft auf dem ehemaligen Bahngelände, ist optimistisch, dass der Mietvertrag verlängert wird.
Bleibt bei Laune. Karola Vogt, Sprecherin der Ateliergemeinschaft auf dem ehemaligen Bahngelände, ist optimistisch, dass der...Foto: Sebastian Dudey

Die Pappelsamen treiben wie Konfetti über das Gelände, die Türen zu den Ateliers stehen weit offen, auf einem Platz bauen Kinder zusammen mit einem Bildhauer Masken, interessierte Grüppchen streifen in Führungen zwischen den alten Gemäuern herum, eine Künstlerin malt vor den Augen der Kunstgänger ein Wandgemälde.

Viele Besucher sind am vergangenen Samstag zum Tag der Offenen Tür gekommen, zu dem die BLO-Ateliers geladen hatten. Seit zehn Jahren arbeitet die Künstlergemeinschaft auf einem 12 000 Quadratmeter großen ehemaligen Bahngelände, dem Betriebswerk Lichtenberg Ost, kurz BLO. Sie hat sich Studios in den einstigen Verwaltungsgebäuden, der Kantine und Werkstätten eingerichtet. Doch damit könnte nun Schluss sein.

„Das war vielleicht der letzte Tag der Offenen Tür“, sagt Karola Vogel, Sprecherin der Ateliergemeinschaft, zu der mehr als 90 Leute gehören, Bildhauer, Grafiker, Maler, Bogen- und Bumerangbauer, Klangkünstler, Fotografen, Fahrraddesigner. Die meisten sind seit vielen Jahren dabei, die Warteliste ist lang, die BLO-Ateliers sind eine Lichtenberger Institution geworden. Doch der Mietvertrag läuft nach zehn Jahren am 31. Juli aus.

„Es wird eng für uns“, sagt Textildesignerin Karola Vogel. Die Verhandlungen mit dem Vermieter, der Deutschen Bahn, sind ins Stocken geraten. Dabei lag ein Anschlussvertrag schon auf dem Tisch. Karola Vogel sagt, seit Januar habe sie jedoch vergeblich versucht, einen Termin für Nachverhandlungen zu bekommen. Denn mit der Vertragsverlängerung geht eine Mietsteigerung einher. „Wir wussten, dass das kommen würde“, sagt die Textildesignerin, aber dass sie dann so hoch ausfallen würde, darauf waren die Künstler nicht gefasst. Doppelt so viel wie bisher soll die Ateliergemeinschaft, vertreten durch den Dachverein Lockkunst, zahlen. Das wäre für viele Künstler nicht mehr zu stemmen.

„Die Bahn begründet das mit Kosten für Modernisierungsmaßnahmen auf dem Gelände“, sagt Karola Vogel. Dabei habe sich der Konzern in den vergangenen Jahren sehr zurückgehalten mit seinen Vermieterpflichten. Die Künstler haben das Gelände wiedererschlossen, zu Beginn mit Fördergeldern der EU, später aus eigener Tasche. Etwa 350 000 Euro haben sie in die maroden Gebäude, Sanitäranlagen und Dächer gesteckt, schätzt Vogel. Die Künstler wollen auch weiterhin gerne Instandsetzungen übernehmen – wenn dafür die Mietkosten im Rahmen bleiben.

„Ich halte das für ein zulässiges Konzept“, sagt Andreas Prüfer, stellvertretender Bezirksbürgermeister und Immobilienstadtrat in Lichtenberg von den Linken. Er hat die Künstler zum Tag der Offenen Tür besucht und ihnen Unterstützung zugesagt. „Auf Initiative des Bezirkes ist diese Atelierlandschaft entstanden“, sagt Prüfer. Sehr gerne sehe er die Künstlergemeinschaft weiterhin in der Nachbarschaft. Die lahmende Kommunikation zwischen Vermieter und Mieter wolle er wieder „anstupsen“.

Vonseiten der Deutschen Bahn scheint das gar nicht nötig zu sein. Auf Anfrage des Tagesspiegel hieß es am Montag, der Konzern sei jederzeit zu Gesprächen bereit. Die Künstler sollten sich an die ihnen bekannten Ansprechpartner wenden. Karola Vogel kann diese Reaktion nicht ganz nachvollziehen. „Wir melden uns einmal im Monat und werden immer wieder vertröstet. Mal ist ein Ansprechpartner im Urlaub, dann gibt es Personalumstruktierungen.“

Die Textilkünstlerin hat ihre Schneiderwerkstatt im Hexenhaus bezogen, das so heißt, weil die Wände dieses hübschen, historischen Klinkerbaus ganz schief und krumm sind. 1894 ging das Bahnbetriebswerk ans Berliner Schienennetz. Es war ein Güterumschlagplatz, diente als Verbindung gen Osten, zu den Kornkammern in Polen und Schlesien. In der DDR verlor das Werk zunehmend an Bedeutung. 1999 verließen die letzten Bahn-Mitarbeiter das Gelände. „Ich arbeite sehr gerne hier“, sagt Karola Vogel. „Es ist eine grüne Insel mitten in der Stadt.“ Geradezu idyllisch. Die Natur hat die alten Gleisanlagen überwuchert, die Bildhauer finden hier genug Platz für grobe, schmutzige Arbeiten unter freiem Himmel. Zwischen den Häusern wurden Blumenbeete angelegt, eine Imkerin hat Bienenkästen aufgestellt. Gleichzeitig hat sich das Viertel rund um den Nöldnerplatz in den vergangenen Jahren gemacht. Der angrenzende Kaskelkiez ist saniert, geradezu kleinstädtisch hübsch und bei jungen Familien sehr beliebt. Im Süden erstreckt sich das begehrter Wohngebiet Quartier Rummelsburg.

Hat der Bahn-Konzern möglicherweise gewinnbringendere Pläne für das Areal? „Das ist so schlecht erschlossen“, sagt Immobilienstadtrat Prüfer, „da braucht man gar nicht erst anzufangen.“ Außerdem sei es immer noch gewidmetes Bahngelände, eine Änderung des Bebauungsplans in ein Wohngebiet langwierig. Noch glauben die Künstler fest daran, dass sie bleiben dürfen. Und wenn nicht? „Einen Plan B haben wir nicht“, sagt Karola Vogel.

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