Berlin : Betrug: Rostige Bakterien im Leitungswasser

Suzan Gülfirat

Birol S. spült das Glas gründlich mit Leitungswasser aus und füllt es etwa halbvoll. Danach taucht er die zwei Metallröhrchen des Elektrolysegerätes hinein und schließt es an das Stromnetz an. "Die Röhrchen sind aus Aluminium und aus Chrommetall", sagt er. Das Wasser verfärbt sich grün, auch etwas braun. Braune Fusseln schwimmen im Glas. "Das sind Bakterien. Die werden verbrannt und dabei verfärben sie sich. So werden sie sichtbar", behauptet er. Damit will er beweisen, dass das Berliner Wasser gesundheitsschädlich ist. Das junge Elternpaar beobachtet in der Küche die Vorführung mit besorgten Blicken.

Der Vertreter für die so genannten Umkehr-Osmose-Geräte zeigt eine Mappe mit Zeitungsartikeln mit Schlagzeilen wie: "Krebs aus dem Wasserhahn?", "Gefahr aus dem Wasserhahn - 27 Fälle in Bayern registriert", "Tödliches Gift im Trinkwasser". Die Familie ist überzeugt, dass sie seit Jahren vergiftetes Wasser trinkt. Der Familienvater unterschreibt den Vertrag für ein "Wasserreinigungs-Gerät". Preis: 2100 Mark.

Den Betrugstrick mit dem Wunderapparat erklärt ein Chemiker im Labor der Berliner Wasserwerke: "Bei dem Prozess geben die Elektroden (also die Metallröhrchen) Bestandteile (Ionen) ab. Durch die Wanderung der Plusionen zum Minuspol und umgekehrt kommt es zur Oxidation und das Wasser verfärbt sich. Nehmen Sie Kupfer- und Manganelektroden, dann bekommen Sie alle Farben, die Sie wollen."

Die Verbraucherzentrale Berlin warnt deshalb vor den "Haustürgeschäften" und beruhigt: "Das Wasser in Berlin ist gut." Selbst in den rund ein Dutzend akkreditierten chemischen Laboratorien in Berlin, die ihr Geld mit Wassertests verdienen, wird die gute Qualität des Berliner Leitungswassers bestätigt. Gesundheitsgefährdende Rückstände gebe es allenfalls durch veraltete Leitungen. Dies könne durch ein anerkanntes Meßverfahren in einem akkreditierten Labor festgestellt werden. "Elektrolyse oder Pulver sind dazu nicht geeignet."

Auch einige Geschäfte in Berlin bieten die Umkehr-Osmose-Geräte an. Nützlich kann der Apparat für diejenigen sein, die sich einen eigenen Brunnen gegraben haben. Seriöse Händler fragen ihre Kunden deshalb zunächst, was Sie sich von dem Gerät versprechen, und raten ihnen auch zu einem Wassertest in einem Labor.

Doch gegen die selbst ernannten Chemiker, die von dubiosen Firmen für ihre Aufgaben geschult werden, gibt es offenbar kein wirksames Mittel. "Was sollen wir machen", sagt eine Mitarbeiterin der Verbraucherzentrale. "Wir sagen den Leuten auch, dass sie nicht diese Magnetdecken kaufen sollen, weil die Mediziner bisher keine Wirkung nachweisen konnten, aber die Leute kaufen die Decken trotzdem."

Wer an der Qualität seines Leitungswasser zweifelt, kann sich an das Labor der Wasserwerke (Tel. 8644 3288), das Labor der Grünen Liga oder die rund ein Dutzend Prüfinstitute wenden, die in Berlin nach DIN-Vorgaben arbeiten. Die Überprüfung für drei Bestandteile, wie zum Beispiel Blei, Kupfer und Zink, kostet zwischen 60 und 70 Mark.

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