Betrugsverdacht : Chef von "Hatun und Can" bleibt weiter in Haft

Die Staatsanwaltschaft sieht Betrugsverdacht gegen Vereinsvorsitzenden erhärtet. Ein Besuch in der Neuköllner Nachbarschaft von Udo D.

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Im Visier. Gegen den Frauenhilfeverein „Hatun und Can“ wird ermittelt.
Im Visier. Gegen den Frauenhilfeverein „Hatun und Can“ wird ermittelt.Foto: dpa

Der Vereinsvorsitzende des Frauennothilfevereins „Hatun und Can“, Udo D., bleibt weiterhin in Untersuchungshaft. Das Landgericht hat eine Haftbeschwerde von D.’s Anwalt Hubert Dreyling „eindeutig“ verworfen“, sagte am Donnerstag der Sprecher der Staatsanwaltschaft Martin Steltner. „Der dringende Tatverdacht des Betrugs wurde bestätigt, Fluchtgefahr besteht weiterhin.“ Die Spendengelder und ein BMW X 6 bleiben beschlagnahmt. Udo D. wird vorgeworfen, Vereinsspenden im Wesentlichen für eigene Zwecke verwendet zu haben. Im Jahr 2009 erhielt der Verein 62 000 Euro Spenden. Hinzu kamen im September 500 000 Euro: Frauenrechtlerin und „Emma“-Chefredakteurin Alice Schwarzer spendete den Gewinn bei einer Jubiläumssendung von „Wer wird Millionär?“ dem Verein.

Anwalt Dreyling bezeichnete den Beschluss des Landgerichts als „hanebüchene Ausführung“. Sein Mandant sei ein „Bauernopfer für die Öffentlichkeit“. Die Betrugsvorwürfe seien eine Unverschämtheit. „Allenfalls ist von einem Verdacht der Untreue auszugehen.“ Dreyling will jetzt eine Beschwerde gegen den Landgerichtsbeschluss vor dem Kammergericht einreichen.

Udo D. ist vor einem Jahr von der Neuköllner Allerstraße in die Warthestraße gezogen in ein gepflegtes Mietshaus. Im Hinterhaus bewohnt Udo D. eine Maisonettewohnung. Ahmed, der frühere Besitzer des „Il Sole“, kennt Udo D. seit mehr als zehn Jahren. Lange hat der arbeitslose Udo D. über der Pizzeria gewohnt, in der jede Pizza drei Euro und alle Fleischgerichte 6,50 Euro kosten. „Ist hier ein kleines Dorf“, sagt Ahmed. Leute aus der Nachbarschaft schauen kurz vorbei, bestellen ein Bier und verabschieden sich ohne viel Worte wieder. „Schlau ist er, der Udo“, sagen sie hier. „Er wusste, was abgeht und hatte ein paar Tricks drauf.“ Hatun Sürücü, nach deren Namen er den Verein 2006/2007 gegründet hatte, habe er aber nur einmal in seinem Leben getroffen, da sind sich alle sicher. „Und das war Silvester 2004/2005, kurz bevor sie erschossen wurde“, sagt ein Gast. Im „Il Sole“ hätten sich die beiden wie die anderen Gäste zugeprostet. Näher habe er sie nicht gekannt.

Aber „irgendwie“ habe Udo D. dann die Situation nach dem Mord an Hatun Sürücü ausgenutzt. „Der Udo wusste immer, wie er wo reinkommt, aber nicht mehr, wie man vernünftig rauskommt. Der hatte dann keine Kontrolle mehr“, sagt ein Gast. Ob er Frauen in Not wirklich geholfen hat, da sind sie sich im „Il Sole“ nicht so sicher. Aber dass Udo D. gern Geld für „Saufen, Frauen, Puff“ ausgegeben hat, davon sind sie sehr überzeugt. Und dass vielleicht der eine oder andere Udo D. mit „Nachdruck“ um Geld gebeten hat, als der Verein die 500 000-Euro-Spende erhalten hatte, das schließt im Kiez niemand aus. „Jeder wollte von dem Kuchen was abhaben. Det is doch klar.“

Auf dem Klingelschild in der Warthestraße im vierten Stock steht „H. & C. e.V.“., im fünften Stock ist sein Name angebracht. Vor der Tür liegt braune Auslegware, die voller Flecken ist. Dass sich Udo D. persönlich bereichert haben soll, können sich seine Nachbarn nicht vorstellen. Er sei ein „sehr netter und höflicher Mensch“, erzählt eine Nachbarin, die nicht namentlich genannt werden will.

Ein „Luxusleben in einer Luxus-Maisonette“ habe Udo D. nicht geführt. Die Wohnung sei „nichts besonderes“, erzählen Anwohner. Sie habe über zwei Etagen drei Zimmer, Einbauküche, Bad und sei mit „billiger Fließband-Ware“ eingerichtet. „Das wertvollste darin ist ein Flachbildschirm-Fernseher“, sagt eine Nachbarin. Sie gratulierte ihm, als sie vergangenen Herbst von dem 500 000-Euro-Gewinn erfuhr. Und sie fragte ihn später, warum er ein so großes Auto für den Verein brauche. „Da hat er gesagt, wenn er die Mädchen rauskriegen will, braucht er ein schnelles Auto.“ Ansonsten führe Udo D. ein „bescheidenes“ Leben.

Nicht sehr bescheiden dagegen hat Udo D. den neuen BMW in seiner alten Kneipe, in der Pizzeria „Il Sole“, vorgeführt. „Hey, komm’ mal ’raus, ich zeig’ Dir was, hat er zu mir gesagt“, erzählt Ahmed. Vor der Tür habe Udo D. ihm stolz erzählt, das sei jetzt sein Auto, „cash bezahlt, hat er betont“. Tatsächlich hat Udo D. den 60 000 Euro teuren BMW laut Ermittlungen bar bezahlt. Und da Udo D. keinen Führerschein besitzt, hat er sich hin und wieder von Lothar W. chauffieren lassen. W. wohnt um die Ecke in der Kopfstraße in einem Wohnblock und ist laut Nachbarn ein „Hartzer, ein Sozialhilfeempfänger“.

Anwalt Dreyling möchte zu den Gerüchten aus der Nachbarschaft nichts sagen. „Es bleibt dabei. An den Betrugsvorwürfen ist nichts dran.“

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