Berlin : Betten allein reichen nicht

Das Four Seasons gibt auf – und viele andere Hotels suchen nach neuen Konzepten

Bernd Matthies

Es gibt Hotelgäste, die an die Preisangaben in den Zimmerschränken glauben. Andere sehen im Internet nach und erfahren dort die Wahrheit. Die Suchmaschine HRS (www.hrs.de) bietet für das kommende Wochenende in Berlin zum Beispiel dies: Mövenpick nimmt für ein Doppelzimmer 99 Euro, der Schweizerhof 119, Esplanade und Interconti 125, Palace 139 Euro, Frühstück meist schon inbegriffen. Adlon-Zimmer werden für 210 Euro – am Ruf des Hauses gemessen – verramscht, und an der Spitze der Liste finden wir das Four Seasons, das 290 Euro mit Frühstück verlangt. Geholfen hat dem Haus diese Strategie aber nicht, denn Four Seasons, wir berichteten, gibt auf, weil das Haus seit der Eröffnung 1996 über elf Millionen Euro versenkt hat. Für Häuser, die sich qualitativ weltweit mit jedem Hotel ihrer Kategorie messen können, ist das eine Katastrophe. Rechnet man überdies ein, dass große Zimmerkontingente an Gruppen auch in Fünf-Sterne-Häusern unter 100 Euro vergeben werden, ist die Diagnose klar: Die Berliner Luxushotels können von den Zimmern allein nicht leben.

Vergleichbare Häuser in Paris oder London erlösen im Schnitt 300 Euro, also mehr als das Doppelte des Berliner Schnitts: Das Vier-Sterne-Marriott Champs-Elysées verlangt für den kommenden Sonnabend mitten im verschnarchten Pariser Sommer 432 Euro… Andere Großstädte kommen auch auf höhere Auslastungen. Berlin lief zwar im zweiten Quartal 2004 recht gut, aber eine Quote von günstigstenfalls 60 Prozent reicht nur, wenn auch die Preise steigen, und das klappt in Berlin nicht. Die Direktoren müssten sich auf eine gemeinsame Strategie verständigen, doch solange jeder Gast recht ist, der nur die Fixkosten deckt, wird sich daran nichts ändern. Und bekanntlich kommen neue Betten dazu, die die Lage verschärfen.

Dass die meisten Berliner Hotels bislang dennoch einigermaßen über die Runden kommen, liegt am Zusatzgeschäft. Tagungen, Feiern, Bankette und Außer-Haus-Lieferungen sind weitaus profitabler als die Zimmervermietung. Doch dazu braucht man Platz. Für das Palace beispielsweise, das letzte der feinen Privathotels, dürfte es sich als Glücksfall erweisen, dass kürzlich ein Veranstaltungsbereich mit Ballsaal angefügt wurde; das Europa-Center bot den nötigen Raum. Doch der strenge Kasten an der Französischen Straße, in den das Four Seasons eingezwängt ist, lässt sich nicht erweitern. Es war deshalb unmöglich, dort vom weltweiten Tagungsgeschäft zu profitieren.

Dennoch scheint es nicht grundsätzlich unvernünftig, dass Mitbewerber das Haus pachten wollen. Hyatt-Direktor Fred Hürst, einer der beiden Interessenten, hätte es gern als Ergänzung des modernen Grand Hyatt in die Edel-Schiene „Park Hyatt“ eingestuft und für Großveranstaltungen die Kapazitäten des großen Hauses am Potsdamer Platz genutzt. Ähnlich denken vermutlich die Rezidor-Manager, die den Zuschlag bekommen haben: im Regent wohnen, im (konzerneigenen) Radisson am Dom tagen. Und sie sind überdies offenbar bereit, sich die Wiederbelebung ihrer außerhalb Asiens in Vergessenheit geratenen Marke „Regent“ eine Menge Geld kosten zu lassen. Generell räumen Experten den neuen Projekten von etablierten Konzernen wie Maritim größere Chancen ein als den Häusern von Newcomern wie Rocco Forte, der gegenwärtig am Forum Fridericianum das „Grand Hotel de Rome“ baut.

Dennoch jammern nicht alle Berliner Direktoren. Am erfolgreichsten ist gegenwärtig wohl das Hyatt mit Auslastungen um die 70 Prozent. Das liegt gewiss an der Leistung des Hotels und der Lage am Potsdamer Platz, die vor allem Touristen begeistert. Ebenso wichtig dürfte aber die konsequent moderne Innenausstattung sein. Sie zieht anspruchsvolle jüngere Gäste an, die mit dem traditionellen Hotelplüsch wenig anfangen können.

Hier liegt die Konkurrenz wohl schief. Ritz-Carlton hatte mit dem hochmodern gestalteten Neubau in Wolfsburg großen Erfolg – und setzte für sein Berliner Haus dennoch auf Plüsch, Blattgold und Marmor im klassischen Stil, bislang bekanntlich ohne wirtschaftliche Fortune. „Ganz klar“, sagt Fred Hürst vom nur ein paar Schritte entfernten Hyatt, „ein Ritz im Wolfsburger Stil hätte mir viel größere Probleme bereitet.“

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