Berlin : Betten für Gotteslohn

Gäste des Kirchentags suchen 20 000 kostenlose Schlafplätze

Jörg-Peter Rau

Ingeborg Linder hatte im Tagesspiegel gelesen, dass Tausende Besucher untergebracht werden müssen. Sie rief sofort bei der Geschäftsstelle des Ökumenischen Kirchentags an. Ein Bett für einen Gast des Treffens der Christen von 28. Mai bis 1. Juni wollte sie anbieten. Nun ist sie ehrenamtlich dabei, in ihrer Gemeinde in Alt-Pankow auch andere zur Aufnahme von Gästen zu bewegen. Denn die Hotels sind längst ausgebucht. Und Familien, alte und behinderte Menschen können nun einmal schlecht in Massenquartieren untergebracht werden.

Die Organisatoren des Kirchentags stehen unter Druck. Sie müssen so viele Menschen unterbringen wie zum Beispiel die Stadt Grimma Einwohner hat – bei Leuten, die für Gotteslohn ein Bett oder eine Liege und ein Frühstück anbieten. Doch Tilman Henke, einer der beiden Geschäftsführer der Großveranstaltung, ist zuversichtlich. 18 000 Menschen wurden zum Kirchentag 1989 in West-Berliner Wohnungen vermittelt. Damals fand das Fest nur im Westteil statt. Ungefähr dieselbe Zahl von Betten boten die Berliner ein Jahr später beim gesamtdeutschen Katholikentag 1990 an.

Henke hat die Werbeagentur Scholz & Friends eingeschaltet. Auf Plakaten und Handzetteln sieht man zum Beispiel Susi. Sie ist Mitarbeiterin der Agentur und liegt reichlich unbequem zusammengefaltet in einer Regalwand. Auf dem Boden: ein Apfel und ein Gesangbuch. Ein Apfel? Eva? Das Paradies? Die Sünde womöglich? Auf dem Plakat steht, dass gerne auch Betten angenommen werden. Martin Pross, Geschäftsführer von Scholz & Friends Berlin, sagt: „Wir hätten nicht gedacht, dass sich die Kirche auf eine so witzige Kampagne einlässt.“ Andere Motive zeigen einen Mann im Hundekörbchen oder einen auf dem Bügelbrett.

Kirchentags-Sprecher Martin Jochen Wittschorek betont, dass die Gastgeber nicht überstrapaziert werden. Nach dem Frühstück gehen die Gäste zur Bibelarbeit, abends kommen sie nach den Kulturveranstaltungen spät nach Hause. Die Begegnung mit den Berlinern wird genau so intensiv, wie diese es wünschen. Der Tag kann mit einem tiefgründigen Gespräch am Küchentisch ausklingen, muss es aber nicht. „Niemand will seine Gastgeber missionieren“, sagt Wittschorek.

Und ehrliche Leute seien die Kirchentagsbesucher auch: In Jahrzehnten der Privat- Unterbringungen sei noch nie etwas gestohlen worden.

Wer einen Schlafplatz bieten kann (ein extra Gästezimmer ist nicht nötig), meldet diesen seiner eigenen Kirchengemeinde, unter der Telefonnummer 234 55 200 oder im Internet unter www.oekt.de .

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