Bevölkerungswanderung : Beruflich Erfolgreiche ziehen weg aus Berlin

Berlin hat so viele Einwohner wie seit dem Krieg nicht mehr – das hört sich erst einmal positiv an. Doch ein Blick in die Statistik zeigt, dass die Stadt nur teilweise von den Zuzügen profitiert. Es fehlen die begehrten Fachkräfte.

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Wer zieht ein, wer zieht aus? In Berlin geht der Austausch der Bevölkerung weiter. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Wer zieht ein, wer zieht aus? In Berlin geht der Austausch der Bevölkerung weiter.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Eine ganze Kleinstadt ist nach Berlin umgezogen – zumindest rechnerisch. Nachdem im Jahr 2010 bereits 17.000 Menschen mehr her- als fortgezogen waren, wuchs die Einwohnerzahl 2011 allein im ersten Halbjahr bereits um dieselbe Zahl. Die amtliche Statistik bestätigt damit einen Eindruck, den viele Berliner von ihrer Stadt haben: Die Metropole lockt nicht nur Touristen an. 3.477.800 Menschen leben mittlerweile hier – so viele wie seit Kriegsende nicht mehr. Wer sind diese Neuberliner?

Eine Antwort hat Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung: „Die Bevölkerung wächst vor allem, weil Jüngere im Alter von 20 bis 32 Jahren herziehen.“ Viele Studenten sind darunter. Im dritten Quartal, als das Wintersemester begann, meldeten sich besonders viele Neuberliner an. Andere kommen und haben ihre Stelle schon sicher: „Die Unternehmen suchen Arbeitskräfte, und davon profitieren Zuziehende“, sagt Brenke. Denn der Arbeitsmarkt brummt. Immer mehr reguläre, sozialversicherungspflichtige Jobs entstehen. „Die Wanderungen zeigen, dass es mit der Wirtschaft Berlins aufwärtsgeht.“

Nur an den vielen schlecht qualifizierten Arbeitslosen geht diese Entwicklung vorbei. „Wie ein Magnet“ ziehe Berlin eben auch Sozialwissenschaftler und Künstler an. Die wollen ihrer Berufung oder ihren erlernten Berufen nachgehen – doch davon können viele nicht leben. Am Ende färben sie die Arbeitslosenstatistik tiefrot. Die in der Wirtschaft begehrten Fachkräfte fehlen dagegen. So kommt es zu einem sonst ganz ungewöhnlichen Phänomen, sagt Brenke: Dass die Erwerbslosigkeit kaum zurückgeht, obwohl Wirtschaft und Arbeitsmarkt wachsen.

Mietsteigerungen in Berlin. (Bild vergrößern durch Klick) Grafik: Gitta Pieper-Meyer
Mietsteigerungen in Berlin. (Bild vergrößern durch Klick)Grafik: Gitta Pieper-Meyer

Die Frischzellenkur durch die jungen Neuberliner hat die Stadt bitter nötig, denn sie bremst die Alterung der Bevölkerung ein wenig ab. „Existenziell wichtig“, nennt Reiner Nagel, Abteilungsleiter bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, diesen Trend. Denn auch so steige das Durchschnittsalter in Berlin bis zum Jahr 2030 von heute 43 auf 45 Jahre. Auch das Bevölkerungsplus von rund fünf Prozent nennt Nagel „animierend“. Bis 2030 werde die Stadt um 180 000 Einwohner wachsen; erträglich sei das, gemessen an 3,4 Millionen Berlinern.

Dass Berlin mit seiner Wirtschaftskraft trotzdem noch nicht zu Regionen wie München aufgeschlossen hat, zeigt das „Wanderungssaldo“ bei den 45- bis 55-Jährigen. Wer in Berlin gut ausgebildet und beruflich etabliert ist, erhört den Ruf, der seine Karriere befördert – und zieht weg. In dieser Generation der Leistungsträger ist das Wanderungssaldo negativ, die Stadt bietet hier zu wenig. „Das Berliner Wachstum findet noch nicht auf breiter Front statt“, sagt Brenke.

„Gut fürs Image“, nennt der Chef des Deutschen Instituts für Urbanistik, Klaus Beckmann, das Wachstum der Bevölkerung – ein typisches Merkmal wirtschaftlich prosperierender Regionen. Das spreche sich herum und stärke den Ruf Berlins als vitale Metropole: „kulturell vielfältig, mit sozialen Spannungen, aber eben auch jung und dynamisch – das zieht auch bei Städtetouristen“. Dass der Boom getragen ist von Studenten und Auszubildenden, die der Stadt den Rücken kehren, wenn sie ihren Abschluss in der Tasche haben, sieht Beckmann nicht nur als Nachteil: Berlin sei eben auch eine der bedeutenden „Ausbildungsstätten für die ganze Republik“.

Seite 2: Der Druck auf dem Wohnungsmarkt steigt.

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