Berlin : Bevor es kriminell wird

In einem Projekt arbeiten Sozialpädagogen mit verhaltensauffälligen Schülern

Tanja Buntrock

Ein Jugendlicher schaut einen anderen schräg an. Dafür bekommt er Schläge. Schließlich „hat er ja so geguckt“, sagt der Angreifer. „Dafür musste ich ihn verprügeln – Ende.“ Sozialpädagogen hören dies von verhaltensauffälligen Jugendlichen immer wieder. Die Erfahrung zeigt: Junge Menschen, die nicht wissen, wie sie mit solchen Situationen umgehen sollen, schlagen immer wieder zu. Irgendwann landen sie im Gefängnis. Genau dies wollen Sozialpädagogen der „Denkzeit“-Gesellschaft mit einem neuen Projekt verhindern.

„Wir wollen früh ansetzen, damit die auffälligen Jugendlichen nicht zu Intensivtätern werden“, sagte Jürgen Körner. Er ist Professor für Sozialpädagogik an der Freien Universität Berlin und Gründer der „Denkzeit-Gesellschaft“, die das Projekt betreut. Gestern stellte Körner das Konzept, das auch von Schulsenator Klaus Böger (SPD) und dem Vize-Polizeipräsidenten Gerd Neubeck unterstützt wird, vor. Finanziert wird es mit 640 000 Euro über drei Jahre von der Deutschen Klassenlotterie.

Jährlich 80 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16 Jahren werden künftig in Einzelsitzungen an ihren Schulen von speziell ausgebildeten Sozialpädagogen der „Denkzeit“-Gesellschaft betreut. Über eine Zeit von sieben bis neun Monaten. In den Sitzungen mit „ihrem Trainer“, wie es Körner nennt, sollen sie letztlich lernen zu denken, bevor sie handeln. Das heißt: Statt wie gewohnt zuzuschlagen, „sollen die Schüler sich über die Konsequenzen klar werden“. Sie sollen lernen, dass es noch „Handlungsalternativen“ gibt: Zum Beispiel, den schrägen Blick zu ignorieren und einfach wegzugehen. Anhand von praktischen Beispielen in einem Handbuch werden auch moralisches Urteilsvermögen, die Kontrolle über die eigenen Emotionen und Mitgefühl für andere trainiert. Das Projekt arbeite in einem Netzwerk mit den Schulen und der Polizei zusammen, erklärte Körner, von denen bekämen sie auch die Namen der verhaltensauffälligen Schüler. Die Schnittstelle seien die Schulpsychologen, sagte Senator Böger. Sie vermitteln „passende Klienten“ an die Sozialpädagogen des Projekts. Auch die Polizisten, die sich im Kiez mit auffälligen Jugendlichen auskennen, „sollen ihren Part zur Vermittlung beitragen“, sagte Gerd Neubeck.

Die wohl schwierigste Aufgabe lautet: Wie bekommt man einen verhaltensauffälligen Jugendlichen – oftmals aus einer Migrantenfamilie – dazu, freiwillig mitzumachen? Bislang hat die „Denkzeit“ mit Jugendlichen gearbeitet, die auf „richterliche Anweisung“ an dem Projekt teilnahmen. Da es nun um Schüler geht, die noch nicht straffällig geworden sind, rechnen die Sozialpädagogen mit „sanftem Druck“ der Eltern und der Behörden. So könne der Schulpsychologe damit drohen, dass der Jugendliche von der Schule fliegt, wenn er nicht an dem Projekt teilnimmt.

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