Berlin : Bewährung für Berlins ältesten Angeklagten

98-Jähriger hatte versucht, seine Frau zu töten Gericht geht von einem minderschweren Fall aus

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Berlins ältester Angeklagter gehört nicht in die Psychiatrie und auch nicht ins Gefängnis. Da waren sich Richter, Staatsanwalt und Verteidigerin einig. Der 98-jährige Bruno H., der seine Frau nach 52 harmonischen Ehejahren umbringen wollte, wurde am Donnerstag zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Nach einer schlechten Nacht sei er „in eine furchtbare Verzweiflung geraten und hat entschieden, ihrem und seinem Leben ein Ende zu bereiten“. Er wollte alles regeln, wie er es stets getan hatte.

Die Freiheit hat Bruno H. mit dem Urteil zurück. Das aber interessierte ihn nicht weiter. Denn das Wichtigste, sein „Schmuckstück“, bleibt wohl weiter verloren. Besorgt bat der Greis im Rollstuhl am Ende des Prozesses um das letzte Wort. „Herr Richter, besteht denn die Möglichkeit, dass ich noch einmal mit meiner Frau zusammenleben kann?“ Ganz still wurde es im Saal. Bruno H. hatte das Mitgefühl aller. „Das entscheidet Ihre Frau“, sagte schließlich der Richter. Nach den hartnäckigen Attacken ihres Mannes ist sie in ein Seniorenheim gezogen. Sie liebt ihn und hat ihm verziehen, den Kontakt aber abgebrochen. „Zumindest derzeit, sie muss das alles erst aufarbeiten“, sagte die Anwältin.

Krank und des Lebens müde fühlte sich der fast Hundertjährige am Vormittag des 12. Juni. „Weißt du, wir wollen doch beide nicht mehr leben“, sagte er. Offenbar ein Irrtum. „Sie wollte weiterleben“, sagte Richter Matthias Schertz. Der Angeklagte habe aufgrund fortschreitender Demenz die körperlichen Gebrechen der Frau falsch bewertet. Verbohrt sei er gewesen und habe Christa H. kein Leben alleine zugetraut. Der Ex-Dekorateur hatte in der langen Ehe die dominierende Rolle gespielt. Für die Hausfrau sei das in Ordnung gewesen. „Sie sah sich auch als sein Schmuckstück“, hieß es im Urteil. Doch als Bruno H. angriff, kämpfte sie um ihr Leben. Vierzig Minuten lang.

Sie stand in der Küche ihrer Wohnung in der Rudolstädter Straße in Wilmersdorf, als er auf sie schoss. Ein Nahschuss. Doch Bruno H. wusste nicht, dass es eine Schreckschusspistole war, die er seit Jahren für einen Freund verwahrte. Seine Frau erlitt ein Knalltrauma. Sie rief sofort die Tochter an: „Papa dreht durch, will mich und sich umbringen!“ Bruno H. schlug nun mit einer Holzkeule zu und verletzte Christa H. am Kopf. Weil sein Vorhaben erneut gescheitert war, nahm er zuletzt ein Messer, wollte seiner Frau die Halsschlagader aufschneiden, dann die Pulsadern. Als er glaubte, Christa H. sei tot, ritzte er an seinem Handgelenk.

Das Gericht ging nun von einem minderschweren Fall aus. 98 Jahre lang habe Bruno H. ein tadelloses Leben geführt und im Prozess Reue gezeigt, hieß es. Verzweifelt sei er bei der Tat gewesen und aufgrund der Demenz vermindert schuldfähig. Für seine zunächst angedachte Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie sahen die Richter keinen Anlass. Für die Frau bestehe auch keine Gefahr mehr. „Sie werden in unterschiedlichen Seniorenheimen leben.“

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