Bewährungshilfe in Berlin : Mit einem Fuß im Knast

„Der hätte doch nicht frei rumlaufen dürfen!“, heißt es oft, wenn Straftäter rückfällig werden. Einer, der das anders sieht, ist der Berliner Bewährungshelfer Volker Schröder.

Pepe Egger
Menschen und Akten: Bewährungshelfer Schröder (verdeckt) ordnet beides.
Menschen und Akten: Bewährungshelfer Schröder (verdeckt) ordnet beides.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Manchmal freut sich Herr Schröder, Gerichts- und Bewährungshelfer, über bestimmte Straftaten, das muss man ganz einfach mal so sagen. „Oh, ein Diebstahl, ohne Körperverletzung! Eine Beleidigung, ohne Tätlichkeit; eine Körperverletzung, aber keine schwere.“

Für die sich Bewährenden und für Herrn Schröder, heißt Erfolg: kein Rückfall. Oder auch schon: ein minder schweres Delikt. Am meisten freuen ihn all die Taten, die jemand nicht begeht.

Herr Schröder, Gerichts- und Bewährungshelfer, Spezialist für das Ungeschehene: Sozialarbeiterpulli Fehlanzeige, Sandalen Fehlanzeige, offenes Ohr vorhanden. Verbucht als Gelingen das, was man in keiner Schlagzeile liest: KEINE KÖRPERVERLETZUNG! NICHT EINMAL GESCHUBST! MUTMASSLICHER NICHT-TÄTER WAR AUF BEWÄHRUNG FREI!

Bewährungshilfe und Boulevard, das wird nichts mehr, das ist so wie mit Gerhard Polt und den Pazifisten: „Nennen Sie mir einen Krieg, den wo die verhindert hätten!“ 569 549 Straftaten wurden in Berlin im Jahr 2015 begangen, 16 414 pro 100 000 Einwohner, nur ein Bruchteil davon von Straftätern, frei auf Bewährung, dazu gleich mehr. Aber wer zählt die, die nicht passiert sind, weil sich, eben, jemand bewährt hat?

Herr Schröder, Gerichts- und Bewährungshelfer, zweiter Stock rechts, Tür steht offen, Zimmerpflanze Fehlanzeige, Spruchkalender Fehlanzeige, großes Herz vorhanden. Fester Händedruck, fragender Blick, schallendes Lachen: will wissen, woran er bei Ihnen ist, glaubt, wie bei allen, die er sieht, dass Sie es schaffen können, zieht Sie ein bisschen auf, tough love, § 56 d, (1), StGB:

„Das Gericht unterstellt die verurteilte Person für die Dauer oder einen Teil der Bewährungszeit der Aufsicht und Leitung einer Bewährungshelferin oder eines Bewährungshelfers, wenn dies angezeigt ist, um sie von Straftaten abzuhalten.“

5 650 Probanden gibt es derzeit in Berlin, von 118 Bewährungshelfern in der „ambulanten staatlichen Rechtspflege“ betreut, beraten, kontrolliert und überwacht, so der offizielle Auftrag der „Sozialen Dienste der Justiz“.

84 Probanden hat Herr Schröder, 84 mal Gerundivum, Verlaufsform, „die sich zu Bewährenden“. Im Einzelnen: Begünstigung und Hehlerei 1, Beleidigung 8, Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz 22, Betrug und Untreue 12, Diebstahl und Unterschlagung 20, Falsche Verdächtigung 1, Hochverrat 1, Geld- und Wertzeichenfälschung 1, Raub und Erpressung 22, Gemeingefährliche Straftaten 8, Sachbeschädigung 1, Straftaten gegen das Leben 8, gegen die öffentliche Ordnung 1, gegen die körperliche Unversehrtheit 40, gegen die persönliche Freiheit 13, gegen die sexuelle Selbstbestimmung 7, Urkundenfälschung 2, Wehrstrafgesetz 4, Widerstand gegen die Staatsgewalt 3. Frauen 5, Männer 79.

Wenn Sie das so lesen, wäre da am Ende auch etwas für Sie dabei? Dass Sie vielleicht denken: Gott bewahre, aber sollte ich jemals straffällig werden, dann vielleicht am ehesten noch in Richtung ... ? So à la: Welcher Typ Straftäter sind Sie?

Das Gegenteil von Stammtisch

Herr Schröder, Gerichts- und Bewährungshelfer, ist auch Spezialist für das Offene. Das Gegenteil zur Perspektive des Hinterher, zum Stammtisch: „Der hätte doch nicht frei herumlaufen dürfen!“ Doch, findet Herr Schröder, hätte der, auch wenn er schon einiges an Bewährungsversagern gesehen hat – auch er hatte seinen Teil vom guten Viertel aller Berliner Probanden, die während ihrer Bewährungszeit wieder straffällig wurden, letzte Daten aus dem Jahr 2014. „Aber das muss eine freie Gesellschaft aushalten“, sonst bekämen ja auch die, die sich bewähren, die, von denen Sie nie hören oder lesen, keine Chance. Vor allem: Alternative Wegsperren, da kommen Sie bei Herrn Schröder nicht weit; sonst würde er das hier alles nicht machen, nicht sich bemühen, mit Überzeugung, um die Täter, die frei herumlaufen.

5650 Probanden gibt es derzeit in Berlin, Stichtagszählung April, 5650 sich zu Bewährende: entweder weil eine Freiheits- oder Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt wird, oder weil nach Haftentlassung oder Maßregelvollzug Führungsaufsicht angeordnet wird. § 68, StGB:

„Hat jemand wegen einer Straftat, bei der das Gesetz Führungsaufsicht besonders vorsieht, zeitige Freiheitsstrafe von mindestens sechs Monaten verwirkt, so kann das Gericht neben der Strafe Führungsaufsicht anordnen, wenn die Gefahr besteht, dass er weitere Straftaten begehen wird.“

Herr Schröder, Gerichts- und Bewährungshelfer, Brille, Hemd, Jeans, bequeme Schuhe, seit 20 Jahren dabei, hat erst einmal schlechte Neuigkeiten für Sie: „Jeder Mensch kann in eine Situation kommen, die an seine Grenzen geht. Jeder Mensch kann zu jedem Zeitpunkt Straftäter werden, sich an anderen Menschen vergehen, das muss man ganz einfach mal so sagen.“

Will sagen: Auch Sie könnten hier sitzen, Frage eines Augenblicks. Eine falsche Reaktion, ein Moment, in dem Ihnen alles zu viel wird, eine zu große Versuchung. Der Übergang zwischen unbescholten und bescholten ist oft unmerklich, und geplant, erwischt zu werden, das hat von den anderen hier auch keiner.

Aber wenn, dann wäre Herr Schröder, Sprechstunde dienstags und freitags, gewiss nicht Ihre schlechteste Karte. Er wird Sie nicht richten, Sie sind ja schon gerichtet worden, er wird Sie unterstützen, damit Sie nicht wiederkommen. Über Sie berichten, gewiss, an das zuständige Gericht, das macht Herr Schröder ja an den Tagen, wo keine Sprechstunde ist, Berichte schreiben, oder mal eine Aussage vor Gericht, wenn jemand angeklagt ist, oder auch einen Hausbesuch, damit Sie nicht immer kommen müssen, und damit er sieht, wie Sie so privat unterwegs sind, bewährungsmäßig.

Aber jetzt erst einmal ankommen, nehmen Sie Platz, erst einmal ein bisschen rausfinden, wie Sie „aufgestellt sind“. Ob Sie für einen Scherz zu haben wären. Oder irgendwas, womit er Sie ein bisschen aus der Reserve lockt, selbst wenn man sich nur mal zusammen über den Verkehr aufregt, die Baustellen, ganz egal, Hauptsache ins Gespräch kommen, bisschen locker werden.

Was Sie da genau angestellt haben, ist erst einmal gar nicht so wichtig. Es kann sogar sein, dass er Sie gar nicht danach fragt.

Wie bei Herrn J., Termin um 10 Uhr, wartet schon 20 Minuten vor der Zeit.

Schröder hat Herrn J. aus Bielefeld übernommen, er ist ihm zugeteilt worden, aber J.s Akte kam erst Monate später nach. Er hat ihn nicht gefragt, was da war, wollte erst, dass Herr J. Vertrauen fasst. Und hat sich verboten, zu raten, zu mutmaßen: Ist J. eher der Typ Körperverletzung? Betrug? Oder Missbrauch von Schutzbefohlenen?

Herr Schröder, Gerichts- und Bewährungshelfer, einer von 118 in Berlin, eigentlich gelernter Speditionskaufmann, dann Abitur mit Schüler-Bafög, Wirtschaftsgymnasium, Studium der Sozialpädagogik und Sozialarbeit, immer noch neugierig, sagt: „Bewährungshelfer ist kein Ausbildungsberuf.“ Sagt, er versuche „den Delikthintergrund auszublenden“, um nicht in die vergleichende Perspektive einzusteigen, ins „Aha-Erlebnis“. „Dass ich sage, der ist ein Betrüger, das weiß ich, und dann denke: Aha, mit den Betrügern läuft das ja immer so und so, die betrügen mich ja auch immer, im Auftreten und so. Deshalb versuche ich, das in der Vorbereitung ein bisschen wegzukriegen, was die Delikte anbelangt. Individualstrafrecht heißt ja, es kommt auf das Individuum an, den Einzelnen.“

Aus der Haft entlassen, Strafe voll verbüßt

Also ist Herr J. erst mal einfach nur Herr J., als er das erste Mal hier sitzt, Oktober 2015 muss das gewesen sein: aus der Haft entlassen, Strafe voll verbüßt, bereit für den Neuanfang. Herr J., um die 50, hatte zwei Jahre und sechs Monate gesessen, er sah, nun ja, ungelüftet aus, als sei er länger nicht an die Sonne gekommen, groß, überlang, die Kleider schlecht sitzend, der ganze Mensch ein bisschen grau, als wäre er eine Zeit lang irgendwo abgelegt und vergessen worden.

Herr J. tut sich bis heute schwer, wieder Fuß zu fassen. Wohnung findet er keine, Arbeit findet er keine, pflichtschuldig telefoniert er Listen mit 20 Adressen ab, das zieht einen schon runter, wenn da gar nichts klappt. Monatelang.

Er versucht, die Bauklötze einer Existenz wieder aufeinanderzustellen, Wohnung, Arbeit, Beziehung. Aber anmelden kann er sich nicht, weil er keine Wohnung findet, Jobs kriegt er keine, weil er nicht angemeldet ist. Sagt er.

Also wohnt er bei seiner Freundin, Einzimmerwohnung, Hartz IV, Diagnose Borderline, er kümmert sich, bemüht sich. Aber wenn er sich bei ihr anmeldet, wird sofort was gestrichen, gekürzt, wegen Bedarfsgemeinschaft. Sagt er.

„Wie ist denn Ihr Gemütszustand?“, fragt also Herr Schröder. „Eigentlich ruhig“, sagt J., „sich aufregen ist ja ungesund.“ Ruhig, sehr ruhig.

Warum dann nicht einen 600-Euro-Job suchen, Teilzeit, als Anfang, besser als Frust schieben? Aber Herr J. kann sich dafür nicht begeistern, „da bin ich ja beim Amt besser dran“. Und wenn ein polizeiliches Führungszeugnis verlangt wird, dann ist für ihn auch schon wieder Schluss.

Es ist nicht einfach, einfach ist es nicht. Bei Herrn J. geht es mehr um Existenzneugründung denn um Bewährung, er will eh auf keinen Fall noch mal „rein“, sauber bleiben, bisschen Rad fahren, bisschen spazieren, getrunken wird nicht, höchstens mal zum Fußball ein Bier.

Kleine Schritte, sehr kleine.

„Bringen Sie doch mal einen tabellarischen Lebenslauf mit“, sagt Herr Schröder nach den ersten Treffen. „Schauen wir nächste Woche mal drauf.“ In der Woche drauf bringt Herr J. nichts mit außer sich selbst und die Hindernisse auf seinem Weg.

Wenn man nun Herrn J. drohte, „wenn Sie nicht dieses und jenes, dann“, da glaubt Herr Schröder nicht dran, dass das was bringen würde. „Als Bewährungshelfer kann man nur Vertrauen aufbauen, erst mal akzeptieren, was jemand gemacht hat, und dann versuchen, im Gespräch das Verhalten ein bisschen zu beeinflussen, Anregungen zu geben, unterstützend zu sagen: Ich finde trotzdem, dass Sie dieses oder jenes mal ändern sollten. Das ist eigentlich die Kunst dabei.“

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