Berlin : Bewältigung in Bildern

Eine Mutter hat Krebs, eine Freundin Aids, ein Bruder Epilepsie – viele Comiczeichner beschäftigen sich jetzt mit Krankheit und Tod

Lars von Törne

Die Stille danach ist schwindelerregend. Es war nur ein Satz, am Ende eines romantischen Abendessens. „Ich bin HIV-positiv, und mein Sohn auch.“ Nachdem sich die junge Mutter Cati durchgerungen hat, ihrem neuen Freund Fred die Wahrheit zu sagen, rutschen die gezeichneten Bilder für einen Moment aus ihrem Rahmen. Der Hintergrund des eben noch so gemütlichen Wohnzimmers wird so aschfahl wie Freds Gesicht, Worte rasen ihm durch den Kopf: „Leidenschaft, Mitleid, Lust, Flucht, Ekel…“, während die runden Augen der Freundin voller Angst und Hoffnung auf ihm ruhen. So beginnt die bewegende autobiografische Liebes- und Krankheitsgeschichte, die der Schweizer Zeichner Frederik Peeters in einem Comic-Roman verarbeitet hat. „Blaue Pillen“ heißt das Buch, kürzlich hat es der Berliner Reprodukt-Verlag auf Deutsch veröffentlicht.

Mit seiner so persönlichen wie kunstvollen Aufarbeitung der Krankengeschichte seiner Freundin und ihres dreijährigen Sohnes steht der 32-jährige Peeters nicht alleine da. In Berlins Comic-Buchläden findet man derzeit gleich eine Hand voll neuer Werke, die sich mit Krankheit und Tod beschäftigen. Was ihre Autoren und Zeichner antreibt, fasst der Amerikaner Brian Fies in einem Satz zusammen: „Das ist Therapie.“ Fies beschreibt in seinem preisgekrönten Comic-Buch „Mutter hat Krebs“ die Krankengeschichte seiner Mutter voller Anteilnahme und schwarzem Humor. „Das half mir, das Erlebte zu verarbeiten – und ich wollte eine Art Landkarte zeichnen, für Menschen, die nach uns so eine Herausforderug erleben“, sagt Fies.

Auch für Frederik Peeters, dessen „Blaue Pillen“ inzwischen bereits mit mehreren Preisen bedacht wurde, war das Buch eine kathartische Erfahrung. Der Leser kann dem Autor und seiner Freundin dabei zuschauen, wie sie an der Auseinandersetzung mit der Krankheit wachsen. Schonungslos offen redet Ich-Erzähler Peeters über wiederkehrende Schreckmomente wie zum Beispiel an jenem Tag, als ein Kondom riss. Zugleich schafft er es durch einen lakonischen Grundton, der Geschichte ihren Schrecken zu nehmen. Zum Beispiel, als ein Fantasierichter das Paar zu „Kondom lebenslänglich!“ verurteilt, oder wenn als Metapher für die Krankheit immer mal ein weißes Nashorn auftaucht – Sinnbild für die beruhigend gemeinten Worte des Arztes, dass das Ansteckungsrisiko so groß sei wie jenes, vor seiner Praxis einem Nashorn zu begegnen.

Kein Nashorn, sondern eine ganze Armada von Dämonen, Monstern und Fabelwesen benutzt der französische Comic-Star Pierre-François Beauchard alias David B. im Buch „Die heilige Krankheit“. Als Fünfjähriger erlebt der kleine Pierre-François, wie der Bruder seinen ersten epileptischen Anfall hat. Was folgt, ist eine lange Odyssee von Arzt zu Arzt. David B. findet für die traumatischen Erlebnisse von Kindern und Eltern fantastische Bilder; die Epilepsie erscheint in der Form wechselnder, kunstvoll gezeichneter mythologischer Fantasiewesen. Die Geschichte handelt aber auch davon, wie die Krankheit sich in der Familie einnistet, sie zusammenschweißt und zugleich auseinanderzureißen droht.

Katharsis – das war das Schreiben und Zeichnen auch für die Amerikanerin Miriam Engelberg. „Meine Comics waren für mich wie eine Rettungsleine, die mich über Wasser hielt“, schreibt sie im Nachwort ihres Buches „Krebs ist eine Erfahrung, auf die ich lieber verzichtet hätte“. Vergangenes Jahr war ihr Cartoon-Band fertig, kurz danach starb sie 48-jährig an den Folgen des Brustkrebses, der fünf Jahre zuvor bei ihr diagnostiziert worden war. Engelbergs Buch beschreibt diese fünf Jahre in schlicht gezeichneten Bildgeschichten, manchmal erschütternd, viel öfter aber selbstironisch und Mut machend. Es geht um unfreiwillig komische Selbsthilfegruppen, gesundheitsfanatische Eltern und unsichere Freunde, die nicht wissen, wie sie mit Engelbergs Krankheit umgehen sollen. Wenn sie sich selbst auf dem Untersuchungstisch „wie ein Auto auf der Hebebühne“ fühlt und auch so zeichnet, dann ist das komisch und zugleich tieftraurig, weil über allem die Frage steht, auf die auch Miriam Engelberg bis zum Schluss keine zufriedenstellende Antwort findet: wieso gerade ich?

Bei Brian Fies wiederum dreht sich in „Mutter hat Krebs“ alles darum, was es für die ganze Familie bedeutet, wenn aus der starken Mutter in kurzer Zeit eine zerbrechliche Patientin wird. Er findet neben realistischen Bildern jede Menge Metaphern für die Schlacht, in die auch die erwachsenen Kinder gestürzt werden. Die Ängste des Sohnes vor Mutters Chemotherapie äußern sich in Frankenstein-Fantasien, der körperliche Verfall der Mutter und ihr tapferer Kampf als Drahtseilakt über einem Becken voller Alligatoren. Fies, der für dieses Buch den renommierten Eisner-Award erhalten hat, sagt dennoch: „Als ich begann, dachte ich, meine Geschichte handele vom Tod, es zeigte sich aber, dass Hoffnung ihr Thema war.“

Hoffnung ist auch das Thema eines Comics, das sich besonders an Kinder und Jugendliche richtet. In „Fatmas fantastische Reise“ treffen sich in einer Klinik vier Kinder, die die seltene Moyamoya-Angiopathie haben, eine Hirnkrankheit, die zu Schlaganfällen führt. In farbenfrohen Bildern und mit kindgerechten Erklärungen medizinischer Zusammenhänge erzählt der Schweizer Autor Christophe Badoux, wie das Quartett gemeinsam mit der Krankheit fertig wird und dabei noch ein großes Abenteuer erlebt. Während das Mädchen Fatma operiert wird, werden die anderen drei von einem Wissenschaftler auf Nanogröße geschrumpft und reisen durch Fatmas Körper, um ihr zu helfen. Psychedelisch bunte Blutbahnen und Gehirnwindungen machen die Krankheit zu einem großen, visuell ansprechenden Abenteuer. An seinem Ende steht eine versöhnliche Erkenntnis.

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