Berlin : Bewaffnet in die Grundschule

Mit Messer auf dem Pausenhof: Kinder und Jugendliche werden immer gewalttätiger – und es geht schon bei den Jüngsten los

Fatina Keilani

Berlins Schüler sind in erschreckendem Maße gewalttätig. 422 Zwischenfälle gab es im Schuljahr 2002 / 2003, das sind 66 Prozent mehr als im Vorjahr. Besonders alarmierend: 95 Fälle ereigneten sich in Grundschulen, und insgesamt wurden viel mehr Waffen mitgebracht und eingesetzt als zuvor. Schulsenator Klaus Böger (SPD) bezeichnete diese Entwicklung als besorgniserregend. Das alles geht aus dem Bericht der Landeskommission „Gewalt an Schulen“ hervor, der am Donnerstag vorgestellt wurde.

Die Konflikte in den Schulen seien im vergangenen Schuljahr „gefährlicher ausgetragen worden als in allen Vorjahren“, heißt es in dem Bericht. Es gab 147 Körperverletzungen (plus 67 Prozent), 83 gefährliche Körperverletzungen (plus 80 Prozent) und 122 Bedrohungen (plus 72 Prozent). Einzig die Zahl der rechtsextremistischen Vorfälle an Schulen sank von 36 im Vorjahr auf 27. Die meisten Meldungen von allen Bezirken gab es aus Neukölln – 118 Vorfälle waren es.

Zu einem großen Teil sei die Steigerung aber auch darauf zurückzuführen, dass Lehrer nach der Bluttat von Erfurt im April vergangenen Jahres jede Äußerung oder Drohung sehr ernst nehmen, sagte Bildungsstaatssekretär Thomas Härtel gestern. Vorfälle, die früher vielleicht nicht weiter erwähnt worden wären, würden jetzt gemeldet. In Erfurt hatte ein 19-Jähriger erst 16 Menschen erschossen, Schüler und Lehrer, und dann sich selbst. Drohe heute zum Beispiel ein Schüler seiner Lehrerin: „Dich mach ich auch noch fertig!“, so würden Lehrer darauf eindeutig und entschieden reagieren.

Besonders auffallend ist die Zunahme der Gewalt an den Grundschulen. Dort gab es 95 der gemeldeten Vorfälle. Grundschüler bringen vor allem Messer mit auf den Schulhof und in den Unterricht, heißt es in dem Bericht. Die Landeskommission mit Spitzenvertretern aus den Senatsverwaltungen für Schule, Inneres und Justiz empfiehlt deshalb dringend, das Waffenverbot in den Schulordnungen der Grundschule festzuschreiben.

Die steigende Gewaltbereitschaft sei aber nicht nur ein Problem der Schulen. Innenstaatssekretär Ulrich Freise sagte: „Es geht um gesellschaftliche Fragen und um das Leben in den Familien“. Man werde der Problematik nicht gerecht, wenn man diesen Komplex aufgesplittet nach Zuständigkeiten betrachtet, deshalb habe man damit jetzt aufgehört. Schul-, Innen- und Justizverwaltung haben sich zusammengetan.

Zeigt ein Jugendlicher auffälliges Verhalten, nimmt das Jugendamt sofort Kontakt mit den Familien auf, macht Angebote, versucht eine kriminelle Karriere zu verhindern. Die Behörde versucht auch, den Eltern bei der Erziehung zur Seite zu stehen. Künftig wollen Schulen, Jugendämter, Polizei und Staatsanwaltschaft noch enger zusammenarbeiten. Wer dennoch bei der Polizei landet, begegnet dort und bei Gericht immer wieder denselben Sachbearbeitern.

Als Pilotprojekte gibt es außerdem zwei Jugendrechtshäuser in Kreuzberg und Neukölln, die den Jugendlichen die juristischen Grundlagen unseres Staates vermitteln sollen. Viele Schüler seien erstaunt, dass Verhaltensweisen, die sie für völlig normal hielten, strafbar sind, sagte Bildungsstaatssekretär Härtel – zum Beispiel Rempeleien oder Beschimpfungen.

Der Bericht im Internet:

www.senbjs.berlin .de/schule/gewaltpraevention/verstehenundhandeln_v.pdf

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