Bewegung "Pulse of Europe" : Warum Berlin gar nicht europäisch genug sein kann

Alle hacken nur auf Europa rum? Nein! Die pro-europäische Bewegung „Pulse of Europe“ macht das Gegenteil - jetzt auch in Berlin. Super Sache, findet unser Autor.

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EU-Flagge vor Fernsehturm: passt wie Faust aufs Auge.
EU-Flagge vor Fernsehturm: passt wie Faust aufs Auge.Foto: imago stock&people

Kein Empörungsfall. Kein Skandal und mal nichts über den alltäglichen Wahnsinn in unserer großen kleinen Stadt und im sie umgebenden Rest der Welt. Denn hier beginnt eine womöglich gute Geschichte. Mit der Betonung auf „gut“, mit emphatischem „u“.

Ein paar Freunde machten uns am vergangenen Wochenende aufmerksam auf eine neue Bürgerinitiative namens „Pulse of Europe“. Man wolle sich ab dem 12. Februar jeden Sonntag um 14 Uhr für eine Stunde auf dem Gendarmenmarkt treffen. Und wer ist „man“? Das seien Menschen, die angesichts von Brexit, Trump, Orbán, Le Pen, Wilders, AfD usw. zeigen wollen, dass ihnen ein gemeinsames Europa wichtig ist.

Ah ja. Beim Blick ins Internet zeigt sich, dass es schon eine Menge Einträge inklusive Twitter- und Facebookseiten zum „Pulse of Europe“ gibt, dazu rühmende Meldungen der Zeitungen im Rhein-Main-Raum, eine Sendung im Deutschlandfunk und ein Wikipedia-Artikel. Obwohl die von einem Frankfurter Rechtsanwalt gegründete Initiative erst wenige Wochen alt ist, breitet sie sich offenbar mit geisterhafter Schnelligkeit aus. Nicht nur in deutschen Städten, auch in Amsterdam, kommende Woche in Paris und demnächst in Edinburgh, bei den antibrexistischen Schotten. Und Berlin?

Aus Lautsprechern tönt Beethoven

Am vergangenen Sonntag stehen pünktlich um 14 Uhr auf dem Gendarmenmarkt zwischen Konzerthaus und Französischem Dom etwa 200 Leute um ein kleines Podest. Kinder und Erwachsene schwenken blaue EU-Fähnchen aus Plastik, ein Pärchen trägt eine große EU-Fahne mit zwei roten Herzen inmitten der zwölf Sterne. Wie meine Frau und ich gesprächsweise hören, sind die meisten hier gleichfalls aufgrund persönlicher Hinweise gekommen. Aus Lautsprechern tönt erst Beethoven, „Freude, schöner Götterfunken“, plus Popmusik aus europäischen Landen. Dann begrüßt eine mittelalte Dame. Sie trägt eine Mütze im Che-Guevara-Look, mit goldenem EU-Stern (statt einem roten). Sympathischer Ton und der Hinweis, dass die Initiative überparteilich sei und „überkonfessionell“. Verlesen werden zehn knappe Thesen, die besagen: „Europa darf nicht scheitern“ – auch wenn die EU durch Reformen bürgernäher werden müsse. Das aber gehe nur, wenn sich Europas Bürger positiv einmischten, der Exit sei angesichts der europäischen Vergangenheit kein Versprechen auf die Zukunft.

Anschließend heißt es „Open Mike“. Jeder, der möchte, darf auf dem Podium was sagen. Ich denke nun mit Schrecken daran, was Mann oder Frau „von der Straße“ oft ungeübt so alles in Mikrophone sprechen.

Aber hey, das wird zur wahren Überraschung. Da meldet sich ein ukrainischer Student, der auf dem Maidan in Kiew für Europa gekämpft hat und jetzt hier lebt; da ist die Berliner „Mutter und Großmutter“, die sagt, sie wolle „nicht eines Tages von meinen Enkeln gefragt werden: Was habt ihr denn gemacht, damals, als Europa auseinanderflog?!“ Und eine junge Engländerin meint: „You may call it Europe – we call it: home!“

Seit Kindertagen habe ich keine Fähnchen mehr geschwenkt

Es ist rührend. Aber auch intelligent, hell, aufgeklärt. Und es schaut in dieser einen Stunde ganz anders aus als bei den Gröhlern von Pegida. Hier zeigt die oft beschworene Zivilgesellschaft tatsächlich ihr aufgeklärtes, friedlich entspanntes Gesicht und demonstriert, dass Europa für seine Bewohner viel mehr ist als nur ein Wirtschaftsraum. Oder ein politisch-bürokratisches Konstrukt.

Ich habe seit Kindertagen, seit meinem Micky-Maus-Club-Wimpel, kein Fähnchen mehr geschwenkt. Hier tu ich’s mal, wie der bekannte Berliner Kulturanwalt neben mir. So wird’s einem plötzlich etwas wärmer, trotz Eiswind. Und es gibt die Fortsetzung an diesem Sonntag um 14 Uhr auf dem Gendarmenmarkt. Ebenso wie im westlichen Ausland und anderen deutschen Städten. In Frankfurt/Main waren es beim letzten Mal schon fast 2000 Teilnehmer, und Ende März soll der Puls für Europa bei einem internationalen Treffen auf dem Pariser Platz schlagen. Aber in Berlin, denkt man, müsste der Funke doch noch etwas weiter überspringen. Nach Dresden und Leipzig, nach Warschau auch.

Dieser Text erschien am 18. Februar 2017 als Rant im Tagesspiegel-Samstagsmagazin Mehr Berlin.

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