BEWOHNERPORTRÄT : Gisela (66) und Roland Tittel (67)

Pflegeheim

Abendsonne, Lichtenberg

Pflegestufe II

Am Tag als seine Schwiegermutter starb, konnte Roland Tittel nicht mehr laufen. „Seine Beine gehorchten ihm nicht“, erinnert sich seine Frau Gisela. Zwei Jahre ist das her. Heute sitzen sie in einem Aufenthaltsraum im Pflegeheim Abendsonne, er im Rollstuhl, sie am Tisch. Sie trinkt Kaffee, er Wasser. Der Arzt verschrieb damals Tabletten, das Problem verschwand. Doch ein paar Wochen später stürzte Roland Tittel dann. Krankenhaus. Die Diagnose: Morbus Binswanger, Demenz. Für das Paar aus Lichtenberg war es das Ende einer Hoffnung. Erst kurz zuvor waren der Journalist und die Diplom-Ökonomin in Rente gegangen. „Jetzt können wir es uns schön machen, hatten wir gedacht.“



Anfangs pflegte Gisela Tittel ihren Mann zu Hause. Immer wieder hat sie gedacht, sie schafft es noch, obwohl sie die Anstrengungen bereits an ihre Grenzen brachten. „Irgendwann geht einem einfach alles auf die Nerven und dann sagten die Kinder noch, ich wäre manchmal furchtbar ungerecht.“ Zuletzt musste sie ihrem Mann bei jeder Bewegung helfen. „Sogar zum Topf bringen“, sagt Roland Tittel mit brüchiger Stimme. Trotz der Krankheit weiß er, wo er ist und wie es um ihn steht. Anders als bei einer alzheimerbedingten Demenz verfällt sein Körper schneller als sein Geist. „Zuzugeben, dass man nichts mehr machen kann, ist der schwierigste Teil“, sagt Gisela Tittel. So kostete es Überwindung, schließlich eine Pflegestufe zu beantragen. Ihrem Mann schießen Tränen in die Augen.

Seit mehr als einem Jahr lebt Roland Tittel nun in dem Heim, in dem schon seine Schwiegermutter wegen Demenz ihre letzten Tage verbrachte. Ein Vierteljahr hat es gedauert, bis ein Platz frei wurde. Eine Erleichterung war der Einzug nicht. „Es ist schwierig loszulassen“, sagt Gisela Tittel. „Jeden Tag, wenn ich nach meinem Besuch nach Hause gehe, überlege ich, wie wir es anders machen könnten, aber es gibt ja keine andere Lösung.“ Nun versuchen sie, es sich trotz allem doch noch schön zu machen. Gemeinsam besuchen sie Veranstaltungen des Hauses oder organisieren Ausflüge mit anderen Bewohnern. Dieses Jahr waren sie im Tierpark. Manchmal gehen sie aber auch nur spazieren oder in die nahe gelegene Kaufhalle. Sie trinkt dann einen Kaffee, er ein Wasser. mho

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