Bezirk Mitte : Kleiner Grenzverkehr für Grundschüler gescheitert

Es war ein Versuch: Der Bezirk Mitte hatte die Einzugsbereiche neu geregelt, um soziale Mischung zu verbessern. Ohne Erfolg. Viele Eltern aus Mitte schickten ihre Kinder lieber auf Privatschulen als auf Einrichtungen im Wedding.

Susanne Vieth-Entus

BerlinDie Bernauer Straße ist eine harte Grenze. Wo früher die Mauer stand, stoßen heute zwei Stadtteile aufeinander, deren Bevölkerungsstruktur nicht unterschiedlicher sein könnte: Im Wedding dominieren Arbeitslosigkeit und Migrantenprobleme, Alt-Mitte ist sozial ausgewogen und hat überwiegend deutsche Bevölkerung. Beides wollte Bildungsstadträtin Dagmar Hänisch (SPD) gern mischen. Zumindest in den Grundschulen. Inzwischen ist klar: Der Versuch ist kläglich gescheitert.

Alles sah schön einfach aus auf dem Papier: Die Kinder von ein paar Wohnblöcken aus Alt-Mitte wurden drei Weddinger Grundschulen zugeschlagen. Der Bezirk hoffte, damit zwei Probleme gleichzeitig anzugehen: die übervolle Grundschule am Arkonaplatz in Alt-Mitte entlasten und den Weddinger Schulen mit ein paar Dutzend deutschen Sprachvorbildern helfen. Jedoch: Die Kinder kamen nie in Wedding an, weil sich die Eltern aus Mitte in Privatschulen flüchteten. Jetzt will Stadträtin Hänisch die Einzugsbereiche der Schulen neu ordnen: Alle Kinder in der Region sollen auf drei Grundschulen in Wedding und drei in Alt-Mitte verteilt werden. Auch damit bleibt die Hoffnung verbunden, die ethnisch-soziale Zusammensetzung zu verändern.

Hänisch steht mit diesem Weg allein da. Die anderen Bezirke glauben nicht daran, dass man die soziale und ethnische Entmischung der Schulen dadurch in den Griff bekommen kann, dass man die Einzugsbereiche der einzelnen Schulen aufhebt und mehrere Schulen zu sogenannten Sprengeln zusammenfasst. "Es macht keinen Sinn, am grünen Tisch Einzugsbereiche zu planen“, meint Neuköllns Bildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD) und nennt den Vorgang "Zwangsbeglückung“. Wenn man den Migrantenschulen helfen wolle, solle man ihnen kleinere Klassen und mehr Lehrer zubilligen.

Kinder sind keine Schachfiguren

Auch Charlottenburg-Wilmersdorf hat sich gegen eine Sprengellösung entschieden, "weil längere Wege andere Ungerechtigkeiten zur Folge haben“, lautet eine Begründung von Bildungsstadtrat Reinhard Naumann (SPD). Ähnliches ist aus Friedrichshain-Kreuzberg zu hören. Auch hier läge der Gedanke nahe, die Kreuzberger Schulen mit 90-prozentiger Migrantenquote mit denen ohne Migranten in Friedrichshain zu mischen. "Aber fast alle waren dagegen, auch die Migranten“, begründet Stadträtin Monika Herrmann (Grüne) die Abkehr von der Sprengellösung. Kinder seien nun mal "keine Bauern, die man auf dem Schachbrett hin- und herschieben kann“.

Was passiert, wenn man beim Zuschnitt der Einzugsbereiche die Bedürfnisse der Familien aus den Augen verliert, erlebt gerade Rike Reiniger aus Alt–Mitte: Ihr Sohn besucht die Arkona- Grundschule, in deren Einzugsbereich sie bei seiner Einschulung wohnten. Dann aber wurde ihr Wohnblock in der Cremmener Straße den Weddinger Schulen zugeschlagen. Die Folge: Der jüngere Sohn darf nicht mit seinem großen Bruder zur Schule gehen, sondern soll mit seinen fünf Jahren täglich die vierspurige Bernauer Straße überqueren. Was nichts anderes bedeutet, als dass die Mutter, die ein Puppentheater leitet und deshalb unregelmäßige Arbeitszeiten hat, ständig ihr Kind hin- und herfahren müsste.Der Fall liegt beim Verwaltungsgericht.

Bildungspolitiker Özcan Mutlu (Grüne) glaubt zwar, dass die Sprengellösung funktionieren und zu einer besseren Mischung führen könnte. Aber Mehrheiten sucht er vergebens. Nicht nur der Bildungssenator ist skeptisch, sondern auch Landeselternsprecher André Schindler. In einem Punkt aber sind sich Schindler und Mutlu einig: Sie verstehen nicht, warum Mitte sich bei einem Geschwisterkind so kompromisslos verhält. Hänisch glaubt sich aber auch hier im Recht: "Die neue Geschwisterregelung gilt erst ab 2009“, beharrt sie. Das sei "keine Willkür“, sondern der Rechtslage geschuldet.

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