Berlin : Bezirk will Mauerrest am Nordbahnhof abreißen

Mittes CDU-Bürgermeister Zeller plant dort einen Sportplatz. Kultursenator Flierl (PDS) will das verhindern

Marc Neller

Der Streit um die Mauerkreuze am Checkpoint Charlie ist noch nicht beigelegt, schon gibt es neuen Krach um den Umgang mit der Mauergeschichte in der Stadt. Auslöser ist ein Beschluss des Bezirks Mitte. Demnach sollen 90 Meter eines denkmalgeschützten originalen Mauerstreifens am Nordbahnhof abgerissen werden, um einen Sportplatz anzulegen. Es geht um ein Stück „Hinterlandmauer“: einst die der DDR zugewandte Seite der Mauer, Beginn des Todesstreifens.

Kultursenator Thomas Flierl (PDS) will genau auf dieses Mauerstück nicht verzichten. Es sei wichtig, um die nahe gelegene Mauer-Gedenkstätte in der Bernauer Straße zu erweitern und aufzuwerten. Das sieht ein Gedenkstättenkonzept vor, auf das sich Senat, Bezirk, Historiker und Vertreter des Bundestages verständigt haben: Die Einrichtung in der Bernauer Straße steht dabei im Zentrum.

Der Senat scheint von dem Beschluss, die Mauer bald abzureißen, überrascht. Senatsbaudirektor Hans Stimmann alarmierte Flierl in einem Brief, der dem Tagesspiegel vorliegt: Er habe vor ein paar Tagen von dem Plan erfahren – „in einer Routinebesprechung“ mit Mittes Baustadträtin Dorothee Dubrau (Grüne). Der Beschluss berühre „das gemeinsam erarbeitete und bisher allseits getragene Gedenkkonzept Berliner Mauer im Kern“. Daraufhin drohte Flierl Mittes Bürgermeister Joachim Zeller (CDU): Dem Abrissplan stünden „glücklicherweise erhebliche rechtliche Hürden entgegen, die die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung im Rahmen ihrer Zuständigkeit geltend machen wird“.

Zeller konterte: „Der geplante Ausbau ist nicht verhandelbar. Wir haben für den Sport keine anderen Flächen im Bezirk.“ Zudem bestritt Zeller gestern, dass die Stärkung der Gedenkstätte Bernauer Straße ausgerechnet von diesem Stück Hinterlandmauer abhängt: „An dem Ort, um den es hier geht, steht Gerümpel. Ich kann dort beim besten Willen nicht den Teil einer aufgewerteten Gedenkstätte erkennen.“ Auf die Frage, warum er das Gedenkkonzept bisher mitgetragen habe, sagte Zeller: „Ich habe von Anfang an auf diesen Punkt hingewiesen.“ Und Baustadträtin Dubrau sagte: „Ich weiß nicht, was der Wirbel soll. Es bleiben ja 320 Meter Hinterlandmauer stehen.“

Dagegen kritisierte die Leiterin der Gedenkstätte in der Bernauer Straße, Maria Nooke: „Wenn der Sportplatz gebaut wird, kann der Nordbahnhof nicht mehr sinnvoll in das Konzept eingebunden werden.“ Und auch die Landes- CDU nimmt Zellers Haltung nicht so locker. Generalsekretär Frank Henkel verteidigte zwar die Entscheidung als Kompromiss, den man eingehen müsse, gab aber zu: „Ich hätte mir aber einen sensibleren Umgang des Bezirksamtes mit diesem Thema gewünscht.“

Dass die Diskussion um das Mauerstück am Nordbahnhof ein Fortsetzungsgefecht des Streits um die Mauerkreuze ist, bestreitet keiner der Beteiligten ernsthaft. Zeller wirft Flierl ein Ablenkungsmanöver vor. „Er will sein Jahre andauerndes Versagen am Checkpoint Charlie kaschieren.“ Und einer, der am Gedenkstättenkonzept mitarbeitet, sagt: „Zeller will das Konzept jetzt blockieren – weil die Mauerkreuze geräumt wurden, für die sich zuletzt die CDU stark gemacht hat.“

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