• Bezirke entdecken ungezählte Schüler Viele Erstklässler im Ausland und auf Privatschulen

Berlin : Bezirke entdecken ungezählte Schüler Viele Erstklässler im Ausland und auf Privatschulen

Susanne Vieth-Entus

Die Ursachen für die überhöhten Schülerprognosen der Bildungsverwaltung klären sich allmählich auf. Wie eine Umfrage des Tagesspiegels in einigen Bezirken ergab, wurden wider Erwarten hunderte Kinder von der Schulpflicht zurückgestellt, obwohl dies laut Schulgesetz eigentlich nicht mehr passieren sollte. Zudem blieben viele Erstklässler aus, weil sie ohne Kenntnis der Meldebehörden im Ausland eingeschult wurden oder weil sie Privatschulen wählten.

Allein in Neukölln sind 192 Schüler, die eigentlich schulpflichtig waren, zurückgestellt worden. In Tempelhof-Schöneberg waren es rund 100. Die Bezirke begründen dies damit, dass es in diesem Jahr eine Übergangsfrist gegeben habe, in der Rückstellungen noch ohne Einzelabsprache mit der Schulaufsicht möglich gewesen seien. Erst im nächsten Jahr werde nach dem Buchstaben des neuen Schulgesetzes gehandelt.

Weitere Ungenauigkeiten kamen durch Wegzüge von Kindern in andere Bundesländer oder ins Ausland zustande. Die Eltern seien nicht gezwungen, das zu melden, bedauert Neuköllns Volksbildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD). Allein drei Prozent der ausländischen Kinder seien auf diese Weise „abhanden“ gekommen. Sie zogen nach Polen oder in die Türkei und trugen somit dazu bei, dass Neuköllns tatsächliche Schülerzahl um 867 (2,9 Prozent) unter der Prognose lag. Dass die Eltern kein Interesse daran haben, den Wegzug ihrer Kinder zu Großeltern oder anderen Verwandten zu melden, begründet Schimmang unter anderem mit der Fortzahlung des Kindergeldes.

Neukölln ist damit keine Ausnahme. Vier Bezirke lagen mit ihren Prognosen, die auf Angaben der Schulen vom April beruhten, noch stärker daneben: Spandau, Steglitz-Zehlendorf, Reinickendorf und Tempelhof-Schöneberg verrechneten sich zusammen um über 4500 Schüler und brachten damit die Statistik von Bildungssenator Klaus Böger (SPD) mehr durcheinander als die anderen acht Bezirke zusammen.

Die vier „schwarzen Schafe“ sind jetzt erheblich in Erklärungsnot. „Wir wissen nicht, wie das passiert ist“, bedauerte gestern der Dienststellenleiter von Tempelhof-Schöneberg, Helmut Schmidt. Ein Kollege gab zu, er sei „aus allen Wolken gefallen“. In einem anderen Bezirk war von einem „Buchungsfehler“ die Rede. Fest steht bisher nur, dass es die falschen Prognosen nicht nur bei Erstklässlern, sondern auch bei den Oberschülern gab.

Durchschnittlich verrechnete sich jede Schule um acht Schüler. Die Bildungsverwaltung findet diese Abweichung „akzeptabel“. Vor allem rechtfertigte sie gestern nochmals die Neueinstellung von 170 Lehrern zum Schuljahresbeginn: Auch wenn die „Überschätzung“ der Schülerzahlen schon im Sommer bekannt gewesen sei, habe man sich dennoch für die neuen Lehrer entschieden, um die Schulen für die vielen Reformen zu wappnen. Tatsächlich war es den Neueinstellungen zu verdanken, dass viele Schulen entspannter als befürchtet das Schuljahr beginnen konnten.

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