100 Jahre Rathaus Schöneberg : Es war einmal ein weltberühmtes Provisorium

Jubiläumstage im Rathaus Schöneberg. Im April 1914 tagten hier erstmals die Stadtverordneten. Während der Teilung Berlins wurde hier Weltpolitik gemacht. Heute hat sich Patina auf vergangene Größe gelegt. Eine Hommage.

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Altes Haus. Das Rathaus Schöneberg hat hundert bewegte Jahre hinter sich. Zu Mauerzeiten wurde hier Weltpolitik gemacht und manche Berlin-Krise bewältigt. Heute waltet hier - ebenfalls weltzugewandt - die Bezirksverwaltung Tempelhof-Schöneberg.
Altes Haus. Das Rathaus Schöneberg hat hundert bewegte Jahre hinter sich. Zu Mauerzeiten wurde hier Weltpolitik gemacht und manche...Foto: Kitty Kleist Heinrich

Alle Tage mittags um zwölf, wenn die Freiheitsglocke vom Turm des Schöneberger Rathauses läutet, klingen vier Jahrzehnte der großen Berlin-Krisen und leisen Hoffnung auf Wiedervereinigung der Stadt nach, als dieses Rathaus der weltbekannte Mittelpunkt der Insel West-Berlin war: politische Schaltzentrale, gute Stube, als provisorische Bleibe von Senat und Abgeordnetenhaus Symbol für das Ziel der Einheit. Der Regierende Bürgermeister war nur Untermieter des Bezirksbürgermeisters, aber wichtiger als jeder Ministerpräsident der Bundesrepublik. Die Großen der Welt gingen ein und aus, Rentner aßen preiswert in der Kantine, das Unnormale war normal. Mit einem Festakt für geladene Gäste erinnert Berlin an diesem Freitag an die wechselvolle Geschichte des Rathauses. Am Sonntag, dem 13. April, soll die Freiheitsglocke, ein Geschenk der Amerikaner, bei einer Open-Air-Veranstaltung aus Anlass des 100-jährigen Rathaus-Jubiläums erklingen - fünf Musiker werden sie mit einer Auftragskomposition begleiten.

Im Amtszimmer der Bezirksbürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg riecht es nach Akten, lange her der repräsentative Glanz. Angelika Schöttler waltet am Schreibtisch Ernst Reuters, Willy Brandts und Richard von Weizsäckers ihres Amtes. Das heißt, es ist immer noch derselbe schwere mit der schwarzen Lederplatte umnagelte Schreibtisch von Alexander Dominicus, der 1914 als Oberbürgermeister der Stadt Schöneberg das damals neue Rathaus bezog.

Seine Existenz verdankt das Rathaus dem rasanten Wachstum Schönebergs vom Dorf zu Stadt. Das 1892 am Kaiser-Wilhelm-Platz erbaute Alte Rathaus erwies sich bald als zu klein. Doch schon damals verzögerten Grundstücks- und Planungsquerelen den Bau, die Kosten stiegen von 4,2 Millionen auf 6,8 Millionen Goldmark bis 1917, als drei Jahre nach der Inbesitznahme durch die Stadtverordnetenversammlung endlich die Bauabnahme erfolgte. Das Einweihungsfest fiel 1914 aus, denn der Erste Weltkrieg kam dazwischen.

1920 war es dann schon wieder vorbei mit der 1898 verliehenen Stadtherrlichkeit. Schöneberg ging (wie viele Städte und Dörfer) in Groß-Berlin auf, das Rathaus wurde Bezirksrathaus. In der BVV saßen in den zwanziger Jahren dennoch Persönlichkeiten wie Theodor Heuss und der Maler Hans Baluschek. Arthur Johnson, der Karikaturist des Satire-Blatts "Kladderadatsch", hat sie in der damaligen Trinkstube neben dem Ratskeller auf Wandbildern verewigt. Darunter das Bekenntnis: "Hart für das Wohl der Gemeinde befehden sich oben die Geister. Unten versöhnt sie des Weins Frieden gebietender Geist."

Bei Kriegsende war das Rathaus Schöneberg eine Trümmerwüste, in der die Bezirksverwaltung aber sofort wieder zu arbeiten begann und schon im Mai das erste Kammerkonzert stattfand. Otto Grotewohl, der spätere Ministerpräsident der DDR, fungierte in der Teilruine zunächst noch als Finanzdezernent.

Brigitte Grunert schaut sich im Rathaus Schöneberg um
Das Rathaus Schöneberg feiert in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag. Eine Reporterin, die das Haus in und auswendig kennt, ist Brigitte Grunert. Sie war angemeldet für einen Rundgang, um ihre vielen Erinnerungen an das altehrwürdige Haus aufzufrischen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 62Foto: Kai-Uwe Heinrich
28.04.2014 18:38Das Rathaus Schöneberg feiert in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag. Eine Reporterin, die das Haus in und auswendig kennt, ist...

Der Kalte Krieg zeigte sich in Berlin dann aber früher als anderswo. Im Zuge der sowjetischen Blockade der Westsektoren zerbrach die einheitliche Stadtverwaltung. Die SED setzte am 30. November 1948 einen "demokratischen Magistrat" mit Friedrich Ebert an der Spitze ein, dem Sohn des einstigen Reichspräsidenten. Die aus dem Neuen Stadthaus in Mitte vertriebenen Magistratsmitglieder und Stadtverordneten der anderen Parteien fanden "provisorisch" im Rathaus Schöneberg Unterschlupf.

Das Provisorium wurde zur politischen Schaltzentrale West-Berlins

Jetzt konnte der schon 1947 gewählte Oberbürgermeister Ernst Reuter auch offiziell amtieren. Das war ihm durch sowjetisches Veto verwehrt worden, was ihn nicht gehindert hatte, dem Freiheitskampf Stimme und Richtung zu geben. Am 14. Januar 1949 tagten die Stadtverordneten erstmals im eilig zum Plenarsaal umfunktionierten Bürgersaal. Die Fenster waren mit Pappe vernagelt, Öfchen ersetzten notdürftig die Heizung im harten Blockade-Winter. Die üblichen Stromsperren blieben den Verordneten erspart. Am 7. Juni folgte Reuter aus seinem Notquartier in der Fasanenstraße 7/8 ins Rathaus.

Mit dem Anspruch der Geltung für ganz Berlin trat 1950 die noch von der Gesamtberliner Stadtverordnetenversammlung beschlossene Verfassung in Kraft. Damit wurden die Amtsbezeichnungen Regierender Bürgermeister, Senat und Abgeordnetenhaus eingeführt. Berlin (West) war nun ein Stadtstaat, der verfassungsrechtlich aus Gründen des Viermächtestatus nicht zur Bundesrepublik gehörte. Nach und nach wurden Bezirksbehörden aus dem Rathaus ausquartiert, noch in den fünfziger Jahren saßen dort der Schulzahnarzt und die Säuglingsfürsorge. Doch mit Bedacht zelebrierten die Politiker das Untermietverhältnis als Merkposten für die Einheit, mochte sie in noch so weiter Ferne liegen. Mit der Zeit fand man das distanzlose Beieinander sogar angenehm kuschelig

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