150 Jahre Lette-Verein in Schöneberg : Menschenbilder im Untergrund

Mit einer Fotoausstellung startet der Lette-Verein seine Jubiläumsfeiern zum 150-jährigen Bestehen. Ursprünglich kämpfte die Schule für Frauenrechte.

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Denkanstöße im U-Bahnhof. Hier das Bild „Der Nomade“ des Berliner Porträtfotografen und Regisseurs Olaf Heine. Die Fotos zum Lette-Jubiläum sind noch bis Ende Dezember im Untergrund des Schöneberger Viktoria-Luise-Platzes zu sehen.
Denkanstöße im U-Bahnhof. Hier das Bild „Der Nomade“ des Berliner Porträtfotografen und Regisseurs Olaf Heine. Die Fotos zum...Foto: Mike Wolff

Ein Mann im Anzug eilt aus einem Parlamentsgebäude, mit wehendem Mantel, die Aktentasche vorm Gesicht. Es ist der Lobbyist. Ein Nackter, schwarze Haare, ausgebreitete Arme, genießt entspannt im flachen Virgin River die gleißende Sonne von Arizona. Es ist der Konsument. Eine Frau steht auf dem Fensterbrett eines Miniraumes im Containerdorf und blickt hinaus. Bett und Schrank passen gerade mal zwischen die vier Wände, auf dem winzigen Tisch finden sich nur wenige persönliche Gegenstände. Sie ist auf der Flucht. Das sind drei von insgesamt 16 großformatigen Fotografien, die seit Sonnabend in Berlins derzeit wohl originellster Galerie gezeigt werden – gestaltet vom Berliner „Lette-Verein“ zu dessen 150-jährigem Bestehen.

"Sozialfiguren der Gegenwart" heißt die Schau

Man muss nur irgendwo in einen Zug der U4 einsteigen und im Bahnhof Viktoria-Luise-Platz im Bayerischen Viertel in Schöneberg aussteigen. Dort schmücken die Bilder die Wände beider Bahnsteige, Flächen, an denen sonst Werbung klebt. Titel der Schau: „Sozialfiguren der Gegenwart“. Jedes Motiv erzählt eine Geschichte von einem und über einen Menschen. Es sind optische „Hashtags“ zu bestimmten Typen. Die Diva, der Fan, die Therapeutin. Nahezu rund um die Uhr ist diese Galerie geöffnete. Wer sie besucht, lässt gerne einige Züge durchfahren, bevor er den Weg fortsetzt.

Der Lette-Verein wurde vor allem für seine künstlerischen Fächer bekannt

Die Bilder stammen von Fotografie-Absolventen des „Lette-Vereins“, die ihren Beruf während der vergangenen 30 Jahre dort gelernt haben. Es ist die erste Ausstellung in einer ganzen Reihe künftiger Veranstaltungen zum Jubiläum des am 27. Februar 1866 von Wilhelm Adolf Lette gegründeten Vereins „zur Förderung der Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechts“ (siehe Kasten). Deutschlands einzige Vollzeitberufsschule hat sich daraus entwickelt. Dazu gehören heute in Berlin drei Berufsfachschulen und zwei Schulen des Gesundheitswesens, getragen von einer „Stiftung des öffentlichen Rechts für schulische Berufsausbildungen“. Rund 900 Schülerinnen und Schüler besuchen derzeit zehn verschiedene Ausbildungsbereiche – von Berufen rund um die Ernährung über Tätigkeiten in medizinisch-technischen, biologischen oder chemischen Laboren und in der Metallografie bis hin zu Modedesign, Medieninformatik, Grafik und Fotografie.

Regisseur Quentin Tarantino steckt auf dem Bild in einer Zwangsjacke

Vor allem durch die künstlerischen Fächer ist der Name „Lette-Verein“ bekannt geworden. Etliche Schüler und Dozenten avancierten zu Vips ihrer Branche. So der 2003 verstorbene Berliner Modegrafiker Gerd Hartung, Lette-Lehrer und von 1946 bis in die 90er Jahre Chronist des Chic und Mode-Experte des Tagesspiegels. Oder Martin Schoeller, derzeit einer der bekanntesten Porträtfotografen der Welt. Ein Bild des 48-Jährigen gehört zur Galerie im U-Bahnhof, die noch bis zum Jahresende zu sehen ist. Schoeller hat Kultregisseur Quentin Tarantino auf einer Krankenliege in eine Zwangsjacke gesteckt, umflattert von Friedenstauben im Neonlicht der Anstalt, ein in Szene gesetzter Albtraum. Titel: „Der Simulant“. Ganz in der Nähe steht Modeschöpfer Karl Lagerfeld wie eine Ikone im blauen Licht eines mystisch-leeren Raumes. Es ist ein Bild des Berliner Fotografen Alexander Gnädinger. Und eigentlich müsste hier auch „We kehr for you“, die witzige Werbung der Berliner Stadtreinigung, zu sehen sein. Ihr Erfinder Nils Brandt lernte bei Lette Grafikdesign.

Fotografie lernen? Dazu hätten Frauen kein Talent, hieß es

Aus gutem Grund befindet sich die Fotogalerie im Untergrund des Viktoria- Luise-Platzes. Denn seit 1902 hat der Verein seine Zentrale und alle Unterrichtsräume an diesem Platz, in einem gründerzeitlichen Prachtbau mit Innenhöfen des Architekten Alfred Messel. Als Wilhelm Lette, Vater von drei Mädchen, 36 Jahre zuvor die Initiative zur Vereinsgründung ergriff, wollte er vor allem die Verdienstchancen alleinstehender Frauen verbessern. 300 Männer waren die ersten Mitglieder, Frauen durften noch keine Vereinigung gründen. Welche Diskriminierung sie hinnehmen mussten, ist heute kaum mehr zu glauben, aber wahr: Fotografie lernen? Von wegen. Dazu fehle ihnen das Talent, hieß es. Erst der Lette-Verein durchbrach 1890 das Tabu mit seiner Photographischen Lehranstalt für Frauen. Noch im selben Jahr meldeten drei populäre Berufsfotografen ihre Töchter dort an.

"Berlin - Stadt der Frauen" heißt eine weitere Ausstellung mit Lette-Persönlichkeiten

Um diese Zeit hatte bereits Wilhelm Lettes Tochter Anna Schepeler-Lette die Schulleitung übernommen und den Ton gegenüber dem Patriarchat verschärft. Sie wollte nicht nur die finanzielle Eigenständigkeit von Frauen fördern, sondern auch deren Bildung und Selbstbewusstsein. Ein hürdenreicher Weg, den ab 17. März auch eine Ausstellung der Stiftung Stadtmuseum im Ephraim-Palais in Mitte dokumentiert. Zwanzig Biografien von Berlinerinnen werden erzählt, darunter mehrere „prägende Persönlichkeiten des Lette-Vereins“. Wie zerbrachen sie die Korsettstäbe überlieferter Rollenzwänge? Darum geht es. Motto: „Berlin – Stadt der Frauen“.

Frauenpower vertrieb schon 1897 unflexible männliche Kollegen

Doch zurück zum U-Bahnhof Viktoria-Luise-Platz. Dort haben Lette-Schüler und -Dozenten nicht nur die Wände als Galerie umgestaltet. Auch die Wartebänke nahmen sie sich vor. Historische Texte zur Anstalt und Schülerkommentare sind auf den Lehnen zu lesen. Darunter ein Zeitungsartikel von 1897 zur Frauenpower: „In mehreren Städten haben Schülerinnen des Lette-Vereins die männlichen Kollegen, die noch mit alten Mitteln . . . arbeiten, vollständig verdrängt.“

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